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Fischsterben im Rudower See : Den Fischen geht die Puste aus

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Hunderte Tiere verenden im Rudower See. Sauerstoffarmut des Wassers ist wahrscheinlich die Ursache

svz.de von
erstellt am 12.Sep.2016 | 20:30 Uhr

Gleich eimerweise werden auf dem Rücken treibende Fische aus dem Rudower See gekeschert. „Wir haben ungefähr 150 Kilo direkt im Bereich der Badeanstalt ’rausgeholt. Die Sichttiefe ist so teilweise so schlecht, dass man keine zehn Zentimeter gucken kann“, schildert Ralf Behrens, 2. Vorsitzender des Anglervereins Lenzen, den Schauplatz. Bei den betroffenen Tieren handele es sich hauptsächlich um Grundfische. Der Karpfenbesatz sei kaum betroffen, Aale nur mäßig. „Man muss aber sicher mit dem Landesanglerverband reden, in welchem Maße unter diesen Umständen der regelmäßige Fischbesatz in Zukunft noch stattfinden kann“, so Ralf Behrens.

Etwas überrascht zeigte man sich gestern früh in der Kreisverwaltung. Amtstierärztin Dr. Sabine Kramer erklärt: „Wir haben gerade erst davon gehört und bisher noch keine Maßnahmen eingeleitet.“ Aktuell müsse davon ausgegangen werden, dass das Fischsterben eine Folge der starken Algenblüte der vergangenen Wochen und Monate sei. Die Blüte ist durch das trockene und warme Wetter der letzten Tage auch noch befeuert worden. „Wir prüfen heute erst einmal, ob wir Maßnahmen ergreifen müssen.“ Aus veterinärrechtlicher Sicht bestünde nach den Vorereignissen der letzten Wochen aber kein Grund einer gesonderten Kadaverüberprüfung so Dr. Sabine Kramer, denn auch die Ende Juli verendeten Fische im Graben an der „Papageiensiedlung“ starben nicht durch Krankheitserreger.

Für Falko Dietsch von der unteren Wasserbehörde des Landkreises liegt der Fall ebenso klar. „Wenn die Temperaturen um die 30 Grad liegen, erhöht sich die Bioaktivität im Gewässer und es wird mehr Sauerstoff verbraucht. Die Cyanobakterien brauchen in der Nachtphase viel Sauerstoff und erzeugen bei der Umsetzung Kohlendioxid. Das nennt man Nachtatmung“, so Dietsch. Da ein Fisch laut Dietsch wenigstens 4 Milligramm Sauerstoff pro Liter braucht , um leben zu können, und viele Bereiche im Rudower See nicht mehr auf dieses Level kommen, geht den Tieren nachts schlichtweg die Puste aus. Ausgangspunkt der Algenblüte ist der zu hohe Nährstoffeintrag in den See, vorwiegend über den Nausdorfer Kanal, der aus dem Rambower Moor zufließt und zugleich einziger Zufluss zum See ist.

Nährstoffe aus dem Rambower Moor

Der Wasserstand im See sei zwar aktuell niedriger, aber für die Sommermonate normal, erklärt Frank Schröder vom Wasser- und Bodenverband Prignitz. Könnte vielleicht ein gedrosselter Zufluss zum Rudower See für eine geringere Durchmischung im Wasser ursächlich sein? „Es sind 2002 zwei Stauanlagen oberhalb der Brücke in Nausdorf und dann am direkten Abfluss aus dem Rambower Moor eingesetzt worden, an der Stauhöhe hat sich seitdem nichts geändert“, entgegnet Schröder. Zweck der Staustufen sei es, das Wasser in der Fläche des Moores zu halten. Je trockener der etwa neun Meter dicke Moorkörper werde, umso mehr setzen biologische Abbauprozesse diejenigen Nährstoffe frei, die dann über den Kanal den Rudower See quasi auf natürliche Weise überdüngen.

Der Moorexperte und Träger des Alternativen Nobelpreises Prof. Michael Succow habe bei einer Begehung 2012 anlässlich des 10. Jahrestags des EU-Life-Projektes zur Moorrenaturierung damals die Vermutung geäußert, dass die Kompromiss-Stauhöhen des Kanals auf Dauer nicht reichen werden, um das Moor in der Fläche feucht genug zu halten und dem hohen Nährstoffeintrag entgegenzuwirken. Die von ihm prognostizierten Effekte zeigen sich offenbar in diesem Sommer stärker als üblich. Und „wenn der Rudower See mit seinen 70 Hektar Fläche umkippt, kann man ihn kaum retten“, schätzt Ralf Behrens ein.

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