PRIGNITZ : Dem Tode geweiht und so lebendig

Trotz der Schäden steht der Baum in voller Blüte.   Fotos: Gerd Höhne
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Trotz der Schäden steht der Baum in voller Blüte. Fotos: Gerd Höhne

Autor Gerd Höhne berichtet über seine ungewöhnliche Freundschaft zu einem Apfelbaum

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25. Juli 2014, 21:13 Uhr

Eigentlich ist er dem Tode geweiht. Und das schon seit langer Zeit. Er ist sehr alt – aber das ist nicht der Grund hierfür. Er kann einfach nicht loslassen – vom Leben. Er will nicht aufgeben – noch nicht.

Es war in den letzten Wintertagen, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Sprachlos blieb ich dicht vor ihm stehen und konnte es kaum fassen. Alles sah kahl und trostlos aus. Abgeschnitten haben sie ihn vor langer Zeit, ganz brutal, auf Mannshöhe. Die Gründe hierfür lassen sich nicht mehr ermitteln. Nackt und ungeschützt starrt seit dieser Zeit sein Rumpf in den Himmel. Regen, Frost und ganze Kompanien von Insekten hatten über viele Jahre ihren Spaß daran, ihn so richtig fertig zu machen. Nun haben sie es also geschafft – fast.

Sein Kernholz ist jetzt vollkommen verschwunden – bis zum Boden hin. Nur noch die Borke steht um ihn herum, so wie ein leerer Mantel. Auf einer Seite aufgerissen, so dass man den Baum auch von innen betrachten kann. Einzig ein kleiner Holzstrang zieht sich an ihr hoch bis zum oberen Rand. Er ist nur so dick wie mein kleiner Finger. Und dies ist seine letzte Lebensader, sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Und an diesem Holzstück wächst an oberster Stelle ein einzelner Ast heraus, stark zur Seite geneigt von Wind und Sturm, die ihm zu schaffen machen. Doch ich konnte nicht sicher sein, dass überhaupt noch ein Fünkchen Leben in ihm steckte.

Als ich den Baum wieder besuchte, stand der Ast in voller Blüte und hätte es mit jedem Jüngeren aufnehmen können. Schön und gesund sah er aus, würde man doch nur diesen einen Ast betrachten! Seit ich diesen Apfelbaum gefunden habe, besuche ich ihn fast jede Woche und schaue nach ihm, wie es ihm so geht. Für mich ist er wie ein guter Freund geworden. Und immer wenn ich dann vor ihm stehe, frage ich mich jedes Mal: Wie lange wohl noch? Wie lange hältst du das noch durch?

Dieser alte Apfelbaum ist ein echtes Wunder der Natur. Ein schönes Beispiel dafür, welche Kraft in ihr steckt – und auch welch ein Lebenswille. Man sollte ihm ein Denkmal setzen.

Sie möchten ihn gerne selber einmal sehen? Nun so viel kann ich Ihnen verraten: Er steht im Biosphärenreservat im Rambower Moor. Machen Sie doch mal einen Spaziergang dorthin und suchen Sie ihn. Ich bin sicher, er kann noch viele gute Freunde brauchen, die ihm die Daumen drücken.


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