Flüchtlinge : Dem Krieg entronnen

Moatät im Gespräch mit Gästen im Bürgerzentrum Wittenberge, die interessiert seinem Vortrag lauschten.
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Moatät im Gespräch mit Gästen im Bürgerzentrum Wittenberge, die interessiert seinem Vortrag lauschten.

Seit sechs Monaten lebt Moatät in Wittenberge und erzählt über seine Heimat Syrien, seine Flucht und sein Leben in der Prignitz

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15. April 2015, 08:00 Uhr

Grüne Oasen in einer faszinierenden Wüstenlandschaft. Zerstörte Häuser, fahrende Panzer. Lachende Kinder und ein Junge, der seine zarten Armstümpfe in die Kamera reckt. Der syrische Krieg hat ihm die Hände, ja seine ganze Zukunft geraubt. Moatät entschuldigt sich für diese drastischen Bilder, „aber das ist die Realität“, sagt der Syrer. Vor rund 50 Gästen spricht er am Montagabend im Bürgerhaus Wittenberge über seine Heimat, seine Flucht und seine Träume.

Die Prignitzer lernen ein Land kennen, dass es so nicht mehr gibt. Sie sehen antike Tempel, moderne Großstädte, flanierende Touristen. Sie hören etwas über die große Geschichte dieses Landes und erfahren, das unser Alphabet seine Wurzeln in Syrien hat. Nach vier Jahren Krieg wisse man nicht einmal mehr wie viele der einst 24 Millionen Einwohner noch im Land leben.

Moatät gehört nicht mehr zu ihnen. Im vergangenen September floh er aus der Hauptstadt Damaskus. „Meine Familie, meine Frau, meine Eltern und mein Bruder blieben dort. Es war zu gefährlich“, sagt der 25-Jährige. Was er damit meint, zeigt ein Video, in dem eine Frau von ihrer Flucht berichtet.

Sie führte über Libanon, Ägypten und Libyen. Dort wurde ein Schlepper angeheuert. Kostenpunkt: 1300 Euro pro Person. 125 Menschen teilten sich für zehn Tage ein Bad, warteten auf ein Boot. Als dieses ankommt, wurden 300 Erwachsene und 100 Kinder an Bord gebracht. Sie wurden beschossen, kamen in ein Unwetter, kenterten. Leichen schwammen auf dem Wasser. So ähnlich sei auch seine Flucht und die vieler anderer verlaufen, sagt Moatät, ohne auf Details einzugehen.

Seit sechs Monaten lebt er in Wittenberge, fühlt sich wohl und aufgenommen. „Die deutsche Sprache ist sehr schwer für uns, aber ich will sie lernen“, sagt er in fließendem Deutsch. Ihm fehlen Wörter, er würfelt Zeitformen und Grammatik durcheinander, aber der 25-Jährige spricht verständlich.

In Damaskus habe er Management studiert, nebenbei in einer Onlinespiel-Agentur gearbeitet. Sein letztes Studienjahr konnte er nicht beenden. Das will er in Deutschland nachholen. Er warte nur darauf, dass seine Sprachkenntnisse noch besser werden. Er besucht einen Kurs, lernt täglich auf You Tube und mit dem Handy.

Neben dem Studienabschluss strebt er eine Arbeit an. „Wir sind nicht hier, um das deutsche Geld zu bekommen, sondern wollen selbst etwas verdienen.“ Sein Traum ist es, mit diesem Geld seine Familie auf sicherem und legalem Weg nach Deutschland zu holen.

Er sieht Europa nicht als seine neue Heimat bis zum Lebensabend. Er will, wie so viele seiner Landsleute, zurück, sobald der Krieg endlich vorbei sei. Syrien sei ein modernes Land gewesen, Religionen lebten friedlich nebeneinander und Frauen hätten die gleichen Rechte wie die Männer, erzählt er. Der Lebensstil sei liberal und weltoffen, „eine Mischung aus Wittenberge und Berlin“.

Es gehe ihm und seinen Landsleuten gut in Wittenberge, sie hätten, was sie brauchen. Und ihr syrischer Alltag unterscheide sich kaum von dem deutschen. Tagsüber gehe man zur Arbeit, abends treffe man Freunde und Familie. Moatät hat Landsleute aus Berlin mitgebracht. Sie servieren den Gästen syrische Häppchen, Kekse und Kaffee mit einer Anisnote. So schmeckt Syrien – exotisch und interessant. Es passt zu den Bildern, die das Land vor dem Krieg zeigten. „Aber wir bauen unsere Heimat wieder auf“, hofft der junge Mann und bis es so weit ist, sagt er auch im Namen der anderen Flüchtlinge: „Danke Deutschland“.

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