zur Navigation springen
Der Prignitzer

18. November 2017 | 13:21 Uhr

Das Wasser hat Kamern noch im Griff

vom

svz.de von
erstellt am 24.Jun.2013 | 05:19 Uhr

Kamern/ | Die alte Schulküche ist zum Dorfzentrum geworden. Dort schmieren Kamernsche Frauen Schnitten, bringen Einwohner Kuchen, Erdbeeren, Kirschen und andere Leckereien für die Hochwasserhelfer, gibt es kühle Getränke und immer Kaffee, sind Ansprechpartner anzutreffen. Unterstützt werden die Kamernschen von Feuerwehrbereitschaften. Vergangenen Mittwoch erfolgte der Wechsel von der aus Rendsburg-Eckernförde an die aus Pinneberg. "Wir fahren erst los, wenn die anderen da sind", sagt Feuerwehrmann Uwe Penning. Die meisten Sachen sind gepackt. Doch die Pumpen an verschiedenen Stellen der Notdeiche am See und in der Chausseestraße bleiben stehen, auch die am D2-Funkturm, damit die Netzverbindungen erhalten bleiben.

Seit Tagen ist Kamern nur noch über Rathenow zu erreichen. Erst wurde das Dorf durch die Straßenschlitzung der L 18 in Richtung B 107 abgeschnitten, dann durch die nächste in der L 2 bei Warnau zu weiteren Orten des Elb-Havel-Winkels. Trotz Evakuierung sind viele geblieben. Erst bauten sie tage- und nächtelang Notdeiche, jetzt gilt es, sie zu sichern. Wessen Haus geflutet ist, ist zum Teil bei Verwandten oder Bekannten im Ort oder in der Nähe untergekommen. Etliche Leute hatten sich zunächst in die Kamernschen Berge zurückgezogen und dort in Zelt oder Wohnwagen geschlafen. Dazu gehören Eva und Friedrich Braunschweig. Ihr Haus befindet sich gleich am Anfang der Chausseestraße nahe der Seekurve. Das Wasser stand im ausgebauten Keller bis unter die Decke. Drei Räume sind geflutet. Auch die Häuser ihrer beiden Söhne in Kamern und Neukamern sind betroffen. Einiges hatten sie hochgestellt, wie etwa die alte Standuhr im antiken Zimmer von Eva Braunschweig. "Das ist in unserem Alter nicht mehr so einfach", sagt sie, als sie Mittwochabend mit ihrem Mann auf dem Treckerhänger mit nach Neukamern fährt, um im Haus des Sohnes nach dem Rechten zu sehen. Alles hatten sie selbst gemacht in ihrem Haus. Jetzt ist außer dem Wasser auch Öl im Keller.

Einfach mal anlehnen bietet schon Trost

"Es sind vor allem die ideellen Werte", denkt die ehemalige Gemeindeschwester an ihr Antikzimmer. "Dass es uns jetzt so trifft ...". Viel Gutes haben sie erfahren in diesen Tagen. Etwa das Angebot, zum Duschen zu kommen, als sie im Zelt campierten. Die Familie hatte selbst schon Evakuierte aufgenommen. Und die Möglichkeit, bei Petra Schrader zu wohnen, so lange sie nicht in ihr Haus zurück können.

Dietrich Staats in der Chausseestraße hatte gleich zu Beginn der Hochwasservorbereitungen in Havelberg alles mobilisiert, damit die Bürgerarbeiter Sandsäcke füllen konnten und Deichwachen übernahmen. Dass das Wasser so schnell kommt und seinen ausgebauten Keller 1,70 Meter überflutet, hätte er nicht gedacht. "Wir haben nur noch das Wichtigste gerettet und sind ab in die Berge."

Von den Politikern hofft er, dass sie nach der Flut ihre Versprechen halten. Geärgert hat er sich, dass eine Apotheke in Rathenow den Preis für Einmalhandschuhe enorm angezogen hat. "Das ist eine Frechheit, die Situation so auszunutzen." Von Ärger ist immer wieder mal zu hören. Etwa von einem jungen Mann, dessen Arbeitgeber überhaupt kein Verständnis für die Situation hat und verlangt, dass er zur Arbeit kommt.

Werner Tempel macht sich mit Sohn Christian schon ans Aufräumen. Pumpen laufen, Sandsäcke werden ’rausgebracht. Der frisch Operierte hätte sich mehr Informationen gewünscht. Seine Frau arbeitet in Stendal und bleibt dort. Er hat auch die Gefriertruhe im gefluteten Keller geleert, Rehfleisch und jede Menge Fisch landen im Müll. Nebenan räumt Jan Rösch das Mobiliar aus seinem Haus. Sperrmüll. Die Türen hat er ’rausgenommen, das Wasser hat den Wohnraum geflutet. Der Estrich ist hochgekommen. Die Fußbodenheizungen in den gefliesten Bereichen dürften das Wasser auch nicht unbeschadet überstanden haben. Er arbeitet in der Schweiz, eilte nach Hause, als er vom drohenden Wasser hörte. Wie das alles mit der Schadensregulierung läuft, weiß er noch nicht. Es gibt viele Flutopfer in Kamern, vor allem auch in der Seestraße, wo zum Beispiel Uwe Schindler und Petra Wabbel um ihre Existenz bangen. Bungalowsiedlung und der Kiosk sind geflutet. Auch das "Grüne Haus" von Stefanie Wischer.

Am Abend dann rollen endlich die Feuerwehrautos aus dem Kreis Pinneberg auf den Platz an der Schulküche. Wehrleiter Jürgen Brandt ist bei der Übergabe der Einsatzleitungen dabei. Bürgermeister Klaus Beck hat da schon seinen knapp 100 Kilometer weiten Weg zur Lagebesprechung nach Havelberg angetreten.

Die Rendsburg-Eckernförder können nach Hause. Adressen sind ausgetauscht, Freundschaften entstanden. Manchmal bot einfach das Anlehnen an die Schulter eines Kameraden Trost. Klaus Wabbel und Michael Brandt stehen wie andere Kamernsche an der Straße und verabschieden die Hochwasserhelfer. "Für ganz viele hat sich unser Kampf gelohnt. Ohne die Notdeiche wäre viel mehr passiert", sagt Klaus Wabbel. Er ist selbst betroffen, auch die neu eingerichtete Wohnung seiner Tochter steht im Wasser. "Ich bin vom Bau und das ganze Dorf hilft uns", blickt er so wie viele andere zuversichtlich in die Zukunft.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen