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20 Jahre Landkreis : Das Pflänzchen Wirtschaft gedeiht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Edelgard Schimko über zerplatzte Träume, kühne Ideen und eine Prignitz, die sich nicht verstecken muss

von
erstellt am 16.Jan.2015 | 11:00 Uhr

20 Jahre Landkreis Prignitz nahm die Kreisverwaltung zum Anlass, in diesem Jahr eine Broschüre herauszubringen. Neben wenigen obligatorischen Eckdaten lernen die Leser interessante Persönlichkeiten kennen, die den Kreis mit ihren Ideen, ihrem Einsatz in diesen zwei Jahrzehnten geprägt haben. Mitgearbeitet an der Broschüre haben Redakteure unserer Zeitung. Einige der Beiträge wollen wir Ihnen vorstellen.

Heute: Edelgard Schimko und die Wirtschaft

Abgewickelte Großbetriebe mit ehemals tausenden Arbeitsplätzen. Zerplatzte Träume von namhaften Ansiedlungen. Eine Arbeitslosigkeit durchweg im zweistelligen Bereich. Zermürbender Kampf um Infrastrukturprojekte, in dem das Schneckentempo beim Bau der A 14 schon als Erfolg gilt. Wer möchte in so einem Landkreis freiwillig Amtsleiter für Wirtschaftsförderung werden?

Edelgard Schimko wollte genau dies 1991, wurde und blieb es bis heute als für die Wirtschaft zuständige Geschäftsbereichsleiterin in der Kreisverwaltung. Wer etwas über wirtschaftliche Erfolge und Misserfolge in der Prignitz erfahren will, kommt an ihr nicht vorbei.

Ein großes Glas Latte Macchiato steht vor der Frau, deren Strategie im Rückblick betrachtet, naheliegend war: Vorhandene Industrieflächen insbesondere an der Elbe zu revitalisieren und in kommunale Hände zu geben. Zur damaligen Zeit waren das kühne Gedanken – wohlwollend formuliert. In Wittenberge waren die Maschinen der Zellwolle, der Ölmühle und im Veritaspark gerade erst verstummt oder liefen ihre letzten Stunden. Städte liebäugelten mit großen Gewerbegebieten, die sie erschließen wollten. Und dann kommt die ehemalige Anlagenbauerin aus den Ölwerken und präsentiert ihr Konzept.

Gut 20 Jahre später kann Edelgard Schimko Erfolge präsentieren. Zellwolle und Ölmühle waren in städtische Hand gegangen, sind heute zwei Vorzeigeprojekte. Exemplarisch dafür seien nur das expandierende Unternehmen Prignitzer Chemie auf dem Zellwolle-Areal genannt und der sanierte Ölmühlkomplex mit Hotelbetrieb, Elblandbühne und Brauereigaststätte. Der Veritaspark ging in private Hände. Zwar gibt es dort heute rund 40 angesiedelte Unternehmen, aber die Zukunft des Parks ist seit Jahren ungewiss. Mehrere Zwangsversteigerungen sind gescheitert.

Zu den größten wirtschaftlichen Erfolgen zählt Edelgard Schimko den Fortbestand bestehender Betriebe. „Bei den großen Unternehmen gab es so gut wie keine Insolvenz“, sagt sie. Ein Auf und Ab hat es gegeben, manche Zitterpartie war darunter, manches Tal musste durchschritten werden. Dass aber Unternehmen wie die Meyenburger Möbelwerke immer noch erfolgreich aufgestellt seien, ist in ihren Augen ein richtig gutes Signal.
Jede Neuansiedlung, egal in welcher Größe, sei natürlich auch ein Erfolg, und die Prignitz habe eine ganze Reihe davon vorzuweisen. Eine der ersten war die Eggers Umwelttechnik GmbH, eine der jüngsten Austrotherm. In den 20 Jahren gab es auch manch eine exotische Idee. Ein gutes, ja vielleicht sogar das beste Beispiel dafür ist Thomas Becken.

Groß und breitschultrig stand er eines Tages in der Tür von Edelgard Schimko. Sie hat das Bild noch vor Augen. Der Riesenkerl erzählte etwas von der Gründung einer Eisenbahngesellschaft. „Ich habe versucht, ihn und seine Idee ernst zu nehmen“, sagt sie. In Sachen Eisenbahn gab es für sie damals aber nur die Deutsche Bahn. Basta. Irgendwie hat Becken es geschafft, seine kühne Idee glaubhaft zu präsentieren. „Konkret helfen, konnten wir nicht, aber moralisch unterstützen, Lobbyarbeit leisten.“

Aus der Idee entstand die Prignitzer Eisenbahngesellschaft PEG. Heute ist Thomas Becken Geschäftsführer der ENON GmbH, hat eine Beteiligung an der Eisenbahngesellschaft Potsdam mbH und mehrere Tochterunternehmen in der Eisenbahnbranche.

Kühne Ideen sind gestattet in der Wirtschaft und häufig der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Aber nicht jede gelingt, wie Edelgard Schimko erfahren musste. Mit dem Zusammenschluss der Kreise Perleberg und Pritzwalk ging das Gewerbegebiet Falkenhagen in ihre Zuständigkeit über. „Toller Standort, aber viel zu groß“, umschreibt sie Fluch und Segen. Eine der ersten Ideen war, hier einen großen Logistikbetrieb zu etablieren. Die Firmen Fiege sowie Kühne + Nagel, Globalplayer in ihrer Branche, waren neben anderen im Gespräch. Es habe gut ausgesehen, doch dann entschied sich die Landesregierung, Logistikansiedlungen nur in Güterverkehrszentren zu fördern. „Das war das Aus für uns“, sagt Schimko.

Neuer Anlauf. Ein Fahrsicherheitszentrum sollte entstehen. Mit Hermann Tilke hatte der Kreis einen Bauingenieur an seiner Seite, der unter anderem weltweit Formel-1-Rennstrecken entwickelt hat. Wieder sah es gut aus. „Doch das Land entschied sich für den Lausitzring“, sagt Schimko. Der endete später im finanziellen Fiasko. Das Gewerbegebiet Falkenhagen ist bis heute trotz mancher Ansiedlung ein Sorgenkind des Kreises geblieben.

Zielsicher jongliert Edelgard Schimko im Gespräch durch die Welt der Wirtschaft. Erzählt von Sackgassen, verrät Anekdoten, deutet andere an. Es ist eine Welt, die Außenstehenden verborgen bleibt, die mit der Politik eines gemeinsam hat: Die besten Geschäfte werden still im Hinterzimmer geschlossen.

Selbstbewusst sagt die Wirtschaftsfrau: „Die Prignitz muss sich nicht verstecken.“ Das macht sie auch nicht, ist präsent auf wichtigen Messen, bis hin zur weltweit größten Immobilienmesse ExpoReal in München. Erfolge lassen sich dadurch nicht erzwingen. Schon gar nicht auf kurze Zeit. „Standortmanager müssen uns im Hinterkopf haben. Nur darauf kommt es im richtigen Moment an.“

Der Kreis und seine eigene Wirtschaftsfördergesellschaft seien auf solche Momente vorbereitet. „Jeden Investor nehmen wir an die Hand, erfüllen Wünsche, helfen beispielsweise beim Ausfüllen der dicken Antragsstapel für Fördermittel.“ Strategisch sollte die Region noch stärker zusammenrücken, noch mehr mit einer Stimme sprechen. Je stärker die Lobby, desto wahrscheinlicher der Erfolg. Darin sieht Edelgard Schimko Reserven, genau wie in einer kontinuierlichen Pressearbeit für alle Medienformen innerhalb und außerhalb des Kreises.
Der Latte Macchiato ist getrunken, das Glas ist leer. Für Edelgard Schimko ist es immer halb voll. Sie ist bekennende Optimistin. Für die A14 macht sie keine Ausnahme: „Wir werden auf ihr fahren, wenn auch in absehbarer Zeit nicht durchgängig von Schwerin nach Magdeburg.“ Das sei keine Kaffeesatzleserei, sondern ihre feste Überzeugung. 

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