Geschichte : Das Mädchen und der Wolf

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24. Dezember 2013, 12:00 Uhr

Als ich noch ganz klein war, da erzählte mir meine Großmutter eine Geschichte, die sie von ihrer Großmutter kannte. Zwischen der Burg Lenzen und dem Rambower Moor lebte einmal eine Familie am Rande eines Dorfes. Vater, Mutter, zwei Jungs, ein Mädchen und drei Katzen. Das kleine Mädchen hieß Ada. Weil sie sich gerade mit ihren Brüdern gezankt hatte, spielte sie allein am Waldesrand.  Es war ein Tag vor dem Heiligen Abend und der frisch gefallene Schnee hatte alles ringsherum eingehüllt. Beim Ausatmen, schien es, als ob weißer Nebel in den Lungen wohnte. Wenn Ada mit ihren kleinen Stiefeln, die aus mehreren Lagen alter Lumpen bestanden, ging, dann knirschte es unter ihren Füßen. Das Mädchen fand diese Geräusche so lustig, dass es noch einen Schritt und noch einen Schritt machte und dabei manchmal aus voller Seele lachte. Mittlerweile aber hatte sie sich so weit von ihrem Zuhause entfernt, dass sie den Weg zurück nicht mehr fand. Gut, sie hätte, da es seit mehreren Stunden nicht mehr geschneit hatte, einfach nur ihren Stiefelabdrücken folgen müssen. Doch der Abend war angebrochen und in der Dunkelheit konnte Ada nicht viel erkennen. Obwohl sie sonst sehr mutig war und gerne die Welt um sie herum voller Neugier erkundete, hatte sie nun Angst. So große Angst wie noch niemals zuvor in ihrem Leben. Wer will es ihr auch verdenken? Sie war noch klein. Erst wenn der nächste Frühling käme, dann würde sie ihren 8. Geburtstag feiern. Niemand war bei ihr. Selbst über ihre Brüder hätte sich die Kleine in diesem Augenblick sehr gefreut. Was die anderen jetzt wohl ohne sie täten? Ob sie einfach wie sonst auch gemütlich zu Abend essen und gespannt lauschten, was der Vater tagsüber so alles erlebt hatte? Denn ihr Vater war ein geschickter Holzschnitzer, der seine Waren auf allen umliegenden Märkten verkaufte. Gerade in der Weihnachtszeit waren seine Jesusfiguren und Krippenspiele besonders beliebt. Nur der Vollmond sah ihr dabei zu, wie ihr bei den Gedanken an ihre Familie Tränen übers Gesicht liefen. Zwar hatte sie ihren Vater schon oft dabei begleitet, wenn er im Wald trockenes Holz zum Schnitzen oder Feuermachen sammelte, doch so weit weg war sie noch nie. Wenn Ada jetzt in irgendeine Richtung ginge, dann würde sie sich unter Umständen noch weiter verlaufen. Und dann würde man sie vielleicht nie finden. Aber hier stehen bleiben konnte sie auch nicht. Ihr war kalt und sie konnte sich noch genau an die Worte ihrer Mutter erinnern, „Wenn einem kalt ist, dann muss man sich eben bewegen.“ Ada dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie ein paar Schritte auf und ab ging und die Namen ihrer Familie rief. Also tat sie es. „Mutti, Vati, Christian, Hans, Mutti, Vat…“.  Plötzlich knackte es im Unterholz. Vor Schreck hielt Ada den Atem an. Ganz laut und schnell pochte ihr kleines Herzchen. Ein weiteres Knacken. Leise, sehr leise. Als sie endlich ausatmete, weil sie die ganze Zeit über aus Anspannung die Luft angehalten hatte, stand er vor ihr. Keine zwei Meter entfernt. Fast so groß wie sie selbst. Ein Wolf.

Wie die Geschichte weiter geht, lesen Sie in unserer Heiligabend-Ausgabe.

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