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Ausstellung im Konzentrationslager Ravensbrück : Das Kinderkleid erzählt vom Tod

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In einem Jahr soll eine neue Hauptausstellung in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ravensbrück in Fürstenberg/Havel eröffnet werden. Dann können die umfangreichen Erträge aus 20 Jahren Forschung gezeigt werden.

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erstellt am 30.Mär.2012 | 11:46 Uhr

Fürstenberg/Havel | Bunte Blumenmuster sind auf das helle Baumwoll-Kleidchen gestickt. Es gehörte Sylvia Elisabeth van Otten-Snijder. Das niederländische Mädchen wurde nur vier Wochen alt. Seine Mutter hat das Kleidchen gehütet. Nun gehört es zu den bewegendsten Zeugnissen über das Konzentrationslager Ravensbrück. In einem Jahr soll die neue Hauptausstellung in der Gedenkstätte in Fürstenberg/Havel eröffnet werden. "Das ist ein Riesenschritt für Ravensbrück, weil dann die umfangreichen Erträge aus 20 Jahren Forschung gezeigt werden können", meint Horst Seferens, Sprecher der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten. Im Mittelpunkt steht dabei der weibliche Blickwinkel.

Das Lager Ravensbrück war das größte Frauenlager der Nationalsozialisten auf deutschem Gebiet. "Ravensbrück steht als Paradigma der KZ-Haft von Frauen und weiblicher Täterschaft", erklärt die Leiterin der Gedenkstätte, Insa Eschebach. "Diesen spezifischen Gesichtspunkt wollen wir herausarbeiten." Seit Juli 2009 ist ein dreiköpfiges Team mit den Vorbereitungen befasst, unterstützt wird es von rund 30 Wissenschaftlerinnen aus Europa. Derzeit erfolgt die Konzeption der Ausstellungsräume in der ehemaligen Kommandantur des Lagers. "Ende März muss für die Gestalter klar sein, wie viele Vitrinen wir benötigen oder wie viele Exponate wir zeigen wollen", so Eschebach.

Die Auswahl ist nicht leicht: Frauen aus ganz Europa haben Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen Fotos und Schriftstücke, die verschiedene Häftlingsverbände bereits zu DDR-Zeiten gesammelt haben. "Bis heute gelingt es uns, einzelne Objekte zu bekommen", sagt die Wissenschaftlerin. Die Vielfalt ist groß, reicht von der Zigarettenspitze über Schachfiguren, bestickte Taschentücher oder ein winziges aus Fischknochen geschnitztes Teeservice. "Die Frauen haben sich untereinander Geschenke gemacht - das gab es bei den männlichen Häftlingen in dem Ausmaß kaum." Einige Objekte berühren besonders - wie das Babykleidchen.

Es stammt aus dem Nachlass der Niederländerin Conny van Otten-Snijder, die zu einer Widerstandsgruppe in den Niederlanden gehörte. Im Januar 1945 brachte sie in Ravensbrück ihre Tochter Sylvia Elisabeth als Siebenmonatskind zur Welt. Vier Wochen später starb das Kind. Oder ein Lippenstift mit dem Emblem des Eiffelturms. "Das war eine verbotene Kostbarkeit", schildert Eschebach. Ein Schatz, der an den Glanz vergangener Tage erinnerte - im Lager aber eine viel größere Bedeutung bekam. "Die Schminke war eine Schminke auf Leben und Tod", erklärt die Gedenkstätten-Leiterin. Mit dem Lippenrot ließ sich Gesundheit auf die Wangen zaubern. "Diese zunächst unscheinbaren Objekte wollen wir zum Sprechen bringen." Fast ein wenig stolz ist die Österreicherin Siegried Fahrecker darüber, dass in der Schau ein großes Foto von ihrer Großmutter Anna Burger bei der Arbeit im KZ zu sehen sein wird. "Es ist das einzige Foto von der Zuschneiderei", berichtet die 49-Jährige. Sie hat ihre Oma nicht mehr kennengelernt, die 1943 in Ravensbrück starb. Aber die Österreicherin reist jedes Jahr zum Tag der Befreiung des Lagers nach Brandenburg. "Dann fühle ich mich ihr nahe. Es ist, als käme ich zu ihr zu Besuch", sagt Fahrecker. Ihr Wunsch: Eine Leidensgefährtin ihrer Großmutter kennenzulernen, um mehr über diese zu erfahren.

Die neue Ausstellung für mehr als 2,3 Millionen Euro - 1,9 Millionen Euro übernimmt der Bund - soll die Schau aus den 1990er Jahren ersetzen. "Seitdem hat sich der Forschungsstand enorm weiterentwickelt", schildert Eschebach. Auf einer Fläche von etwa 900 Quadratmetern sollen verschiedene Vermittlungsebenen entstehen. Ein Überblick auf die Gesamtgeschichte soll ebenso möglich sein, wie ein vertiefter Einblick. "Wir wollen die unterschiedlichen Interessen und Erwartungen unserer Besucher berücksichtigen", erklärt die Leiterin.

Die Befindlichkeiten der Opfer geraten dabei nicht aus dem Blick. "Unsere Anmerkungen werden ernst genommen und unsere Meinung akzeptiert" berichtet Eva Bäckerova, die stellvertretende Vorsitzende vom Internationalem Ravensbrück-Komitee. "Die Frauen sind alle ganz außergewöhnliche Persönlichkeiten", meint Eschebach. Viele von ihnen haben sich politisch engagiert, nachdem sie den Nazi-Terror überlebt haben. Auch dies wird die neue Ausstellung dokumentieren.

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