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70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs : Das jähe Ende einer behüteten Kindheit

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Gisbert zu Putlitz wuchs auf dem Gut Groß Pankow auf. Der Zweite Weltkrieg prägte ihn bis heute – so wie seine ganze Generation

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erstellt am 08.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Die Straßen nach Schwerin sind voller Menschen. Menschen, die ihre gesamte Habe mit sich tragen. Eine Frau sitzt auf einem Wagen, neben ihr baumelt ihr totes Neugeborenes in einem Bündel. Die Flüchtlingstrecks verstopfen die Straßen, und doch sind sie nicht die am schwersten Gebeutelten dieser Szenerie.

Wenige Meter entfernt ist der Todesmarsch der KZ-Häftlinge unterwegs. „Wir hatten Angst, dass sich die Menschen auf uns stürzen, aber sie sind mit Messern und Löffeln auf die toten Pferde im Graben losgegangen und haben ihnen das Fleisch von den Knochen geschabt – das werde ich nie vergessen“, erinnert sich Gisbert zu Putlitz beinahe auf den Tag genau 70 Jahre später. Er ist 14 Jahre alt, als er von der Straße auf die Menschen blickt, die ihrem Tode entgegengeschickt werden sollen. Die Bilder brennen sich ihm ins Gedächtnis und begleiten ihn sein Leben lang.

Heute kann der 84-Jährige – mit vollem Namen Prof. em. Dr. Gisbert Gans Edler Herr zu Putlitz – auf ein Leben alles andere als arm an Höhepunkten zurückblicken. Im Jahre 1931 in Rostock in eine der ältesten und einflussreichsten, dem märkischen Uradel zugehörenden Familien der Prignitz hineingeboren, verbrachte er seine Kindheit auf dem elterlichen Gut in Groß Pankow und brachte es bis zum Rektor der ältesten deutschen Universität in Heidelberg. Doch seine Kinder- und Jugendtage prägten ihn besonders stark.

Aufgewachsen im Groß Pankower Gutshaus, das Prignitzer heute als Augentagesklinik kennen, verbrachte zu Putlitz seine Kindheit auf dem Land. „Natürlich waren wir als Gutsbesitzer privilegiert, dennoch waren die Höhepunkte meiner Kindheit die Dorffeste oder der Erntekindergarten.“ 1938 änderten sich die Verhältnisse grundlegend.

„Die Kindergärtnerin trug zum Beispiel eine BDM-Uniform (Bund Deutscher Mädel – d. Red.), und es vollzog sich eine merkwürdige Wandlung der Zivilgesellschaft.“ Waren Lernen und Spielen mit seinen Altersgenossen bisher Hauptbeschäftigung, wurde vieles nun politisch. Als 1939 die Kriegserklärungen in Groß Pankow bekannt wurden, stand der achtjährige Gisbert auf der Terrasse des elterlichen Hauses und wusste nicht, was diese Worte bedeuten.

Allein seine Sonderstellung verschaffte ihm noch eine Schonfrist. „Ich hatte einen Hauslehrer und nur einen Mitschüler – Armin Müller-Stahl. Mit ihm habe ich zwei Jahre zusammen gelernt und gelebt. Er war bereits damals außerordentlich künstlerisch begabt: konnte schon als Zehnjähriger Klavier spielen, dichten usw. Nur in den ,Schlachten‘ zwischen den Dorfjungen hat er sich oft schwer getan“, erinnert sich zu Putlitz lächelnd.


Die Glocken läuteten täglich für Gefallene


Es folgten Jahre, die wenig Raum für Spaß ließen. „Trotzdem konnte ich es 1941 kaum erwarten, ins ,Deutsche Jungvolk‘ zu kommen. Aber auch das war gepaart mit einem Erwartungsdruck. Wir sollten uns für die Kriegsziele einsetzen, Altmetall oder für die Winterhilfe sammeln. Aus Spaß wurde Härte und der Krieg ein ständiger Begleiter.“

Zu Putlitz’ „Karriere“ in der Jugendorganisation ging steil bergauf. Bereits nach einem Jahr war er Jungenschaftsführer. „Das lag aber daran, dass die 17- und 18-Jährigen eingezogen wurden und die Posten nach unten gerückt sind. Ich musste bereits Dienstbefehle schreiben und mehrere Dörfer betreuen.“

Und noch ein, bis dahin das Leben leitender Umstand, verlor seine Unschuld: „Die Glocke läutete zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich für Gefallene. Mehrmals in der Woche um acht Uhr bedrückten ihre Klänge. “

Auf dem elterlichen Gut änderten sich die Gegebenheiten. „Mehrere Kriegsgefangene waren bei uns angestellt, die jedoch einen hohen Stellenwert hatten. Mein Vater hat aufgrund seiner eigenen Militärzeit immer versucht, sie ,ritterlich‘ zu behandeln.“

1943 wechselte der junge zu Putlitz auf das Gymnasium und erlebte ein einschneidendes Erlebnis, das sein Leben nachhaltig erschütterte. „Meine Eltern wurden verhaftet. Sie waren keine Anti-Nazis, sondern haben serbischen Kriegsgefangenen zu viel Essen gegeben und wurden daraufhin denunziert. Der folgende Prozess war sehr schwierig. Mein Vater wurde nach fünf Monaten Untersuchungshaft entlassen, da meine Mutter die alleinige Schuld auf sich nahm. Sie hat neun Monate im Gefängnis in Berlin-Moabit abgesessen.“

Die zivile Ordnung löste sich langsam auf. „Einmal wurde ich auf einer meiner Touren von jungen Polen vom Fahrrad gestoßen, die mir ein Messer ins Bein rammten. Doch was sollte ich tun? Ich wollte sie nicht denunzieren, da sonst alle verhaftet worden wären, also habe ich nichts erzählt und die Wunde geklebt – geblieben ist eine schlecht verheilte Narbe.“

Auch im Inneren von Gisbert zu Putlitz geriet die Ordnung ins Wanken. Das zeigte sich, als er 1944 auf der Gebietsführerschule der Mark Brandenburg in Cottbus ideologisch gedrillt werden sollte. „Das stand im totalen Widerspruch zu allem, was ich zuvor im Konfirmandenunterricht gelernt hatte und ich habe Fragen gestellt und mir so meine Beurteilung versaut.“


In der Prignitz knapp dem Tod entkommen


Ein Ergebenheitsmarsch für den Führer in der Cottbusser Innenstadt am 20. Juli führte ihm die Zweifel der Menschen vor Augen. „Wir wurden ja größtenteils weltanschaulich weggesperrt, aber ab da wurde mir vieles bewusst. Ich habe in den Tagen gelernt, wie man eine Panzerfaust abfeuert, aber mehr auch nicht.“

Zurück in der Prignitz kam es zum endgültigen Bruch mit dem Regime: „Unser Gut war von der Polizei besetzt, da dort ein Widerstandskämpfer versteckt sein sollte. Ich stand da mit meiner Jungvolkuniform am Leib und wurde herumgeschubst. Als eine Tante bei uns zu Besuch war, habe ich ein Gespräch belauscht und zum ersten Mal von einem Konzentrationslager gehört. Dass dies erst so spät passierte, lag jedoch daran, dass ich als 13-Jähriger noch zu jung war, und nicht daran, dass man es nicht wissen konnte.“

Als die Amerikaner am 14. April an der Elbe landeten, erreichten die Kampfhandlungen die Prignitz. „Sie sind mit ihren Flugzeugen in die Luft gestiegen, haben den Motor ausgeschaltet und lautlos im Segelflug geschossen. Nur ganz knapp entkam ich einmal den Kugeln.“

Und noch etwas prägte die Prignitz in dieser Zeit – schier unendliche Flüchtlingstrecks. „Oft sind ganze Güter aus Ostpreußen unterwegs gewesen. Wir haben Hafer gequetscht und an die Pferde verteilt, da sie für normale Körner zu entkräftet waren.“

Mai 1945: „Wir wurden immer stärker beschossen und hatten viele Einquartierungen – etwa 150 Leute auf dem Gut. Dann hieß es: ,Morgen kommt der Russe ins Dorf, können Sie uns führen?“.

Gemeinsam mit seiner Mutter brachte er die Lastenkolonne nach Norden. Von Groß Pankow über Wolfshagen und Putlitz, bis sie in der Nacht zum 2. Mai Neustadt-Glewe erreichten. „Ich habe im Büro unseres Hauses angerufen und eine russische Stimme hat abgenommen, da wusste ich, was los war“, so zu Putlitz, der an diesem Tag nicht nur um seinen zurückgebliebenen Vater trauern musste, sondern auch um Guts- und Dorfbewohner.

Gisbert zu Putlitz zog weiter nach Schwerin und begegnete den Flüchtlingen und dem Todesmarsch, dessen Bilder sich in sein Gedächtnis brannten.

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