Kirche Kletzke : Das große PR-Projekt der von Quitzows

Zwischen Historie und Moderne: Georg Streese wandelt problemlos zwischen Kirchengeschichte und Wirtschaftsstudium. Fotos: Felix Alex
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Zwischen Historie und Moderne: Georg Streese wandelt problemlos zwischen Kirchengeschichte und Wirtschaftsstudium. Fotos: Felix Alex

Zwischen VIP-Eingang und Uhrenkasten: Student führt Interessierte durch die Kletzker Dorfkirche und hat dabei seinen ganz eigenen Stil

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21. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Etwas verdutzt schauen die geschichtsinteressierten Besucher schon, als sie in Kletzke auf ihren Kirchenführer treffen. Denn wo andernorts passionierte Ortschronisten oder Kirchenälteste durch die Mauern des Gotteshauses führen und die Historie in ihren Ausführungen geschickt mit der Dorf- und Regionalgeschichte verweben, erwartet die 27-köpfige Reisegruppe an diesem Nachmittag ein 21-jähriger Student. Georg Streese heißt der junge Mann, der in unregelmäßigen Abständen durchs Gemäuer führt und für die Ausführungen seinen ganz eigenen Stil kreierte.

„Es kommen schon Blicke wegen meines Alters und oft auch der Ausspruch ’Sie studieren bestimmt Geschichte‘“, erzählt Georg Streese. Doch zwischen seiner Leidenschaft für die Kletzker Kirche und seiner Studienrichtung liegen Welten. „International Business Administration“ heißt der Studiengang, den der 21-Jährige an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) seit vier Semestern belegt. „Das ist wie Betriebswirtschaftslehre, nur mit starker internationaler Ausrichtung“, verdeutlicht Streese. Doch besteht seine Verbindung zu den Kirchgemäuern weitaus länger als seine Leidenschaft für Wirtschaft.

Gelehrt und auch irgendwie auf diesen Weg gebracht, hat ihn bereits in jungen Jahren seine Mutter. Diese führt selbst Interessierte durch die Kletzker Kirche und hatte in den 90er Jahren die Plattenburg übernommen. Schon damals habe er als kleiner Junge mit dem Schlüssel geklappert und sei dann nach und nach in die Rolle hineingewachsen. „Erst habe ich nur einen kleinen Teil zum Erzählen übernommen und irgendwann, so mit 15, 16 Jahren, haben wir große Gruppen geteilt und ich habe ganze Führungen gestaltet“.


Zwischen VIP-Eingang und Uhrenkasten


Und auch als es zum Studium nach Frankfurt ging, so ganz loslassen konnte er von der Kirche und seinem Hobby nie. „Das hier ist mein privates Interesse – Kletzke und vor allem die Kirche“, erzählt Streese, während seine Augen durch das Kirchenschiff wandern. „Die Entscheidung zum Studium fiel wegen der Anstellungsaussichten und den Möglichkeiten, etwas von der Welt zu sehen“, so der Kletzker. Vorteile hat die Symbiose von Studium und Hobby unbestritten. Die Bereiche befruchten sich gegenseitig. „Schon in der Schule hat es mir geholfen, als ich Vorträge halten musste und im Studium ist es hilfreich, denn der große Faktor der Nervosität fällt weg. Denn wer anderen Dinge gut präsentieren kann, lernt auch sich zu präsentieren“, so Streese. Und auch die Kirchenbesucher profitieren von der ungewöhnlichen persönlichen Zusammensetzung. So wirken die Ausführungen modern und lassen die wechselvolle Geschichte der Kirche auch dementsprechend erscheinen. Von VIP-Eingängen und Tante Käthe ist da die Rede und auch die persönliche Note fehlt nie. So beginnt die Führung schon mit den Worten: „Die Herrichtung der Kirche mit dem repräsentativen Turm und der Dacherhöhung um 1620 war so etwas wie eine große PR-Aktion der Familie von Quitzow. Sie wollten zeigen, dass sie wohlhabend sind.“

Dementsprechend geht es weiter durch die Jahrhunderte. Vorbei an Kletzke als Dorf mit Kleinstadtcharakter und fast 900 Einwohnern, den reich verzierten Epitaphen und dem barocken Kanzelaltar bis hin zu einem Uhrenkasten an dessen Rückwand. In diesem verbirgt sich ein Relikt, das zwar sichtbar, aber irgendwie unerreichbar scheint. Der Degen von Achatz von Quitzow hängt hier hinter einer Glaswand. Er stammt aus der Gruft unter der Kirche, die 1902 zum letzten Mal geöffnet wurde. Hier wurde der Degen entnommen und in den Uhrenkasten gehängt. „Das Problem ist nur, dass er sehr gut gesichert ist, wir keinen Schlüssel haben und uns nicht trauen, ihn mit Gewalt zu öffnen“, erzählt Streese.


Ein Ritt auf dem Zeitstrahl


Unterhaltsame Geschichten rund um die Kirche sind während 45-minütigen Führung einige zu hören, so dass Heinz Kazmierczak, der an diesem Tag die Heimatreise mit dem Titel ’Auf den Spuren der Quitzows’ organisierte, resümiert: „Ein wahrer ’Ritt auf dem Zeitstrahl’ durch die Jahrhunderte. Speziell die Ereignisse in und um Kletzke erläutert der junge Mann mit bewegten Worten, spannenden Anekdoten und Details.“

Ein Lob, das jener gern hört, auch wenn Georg Streese, der selbst 1996 in den Gemäuern getauft wurde, sich persönlich mehr Mittel und Aufmerksamkeit für die Kirche wünscht. Denn „wenn es hoch kommt, sind es vier bis fünf Gruppen im Jahr, die wir hier führen.“ Aber auch diese werden im kommenden Jahr seine beiden Kollegen übernehmen müssen, denn dann steht für den Kletzker ein Auslandssemester in Spanien an. „Ich bin ja dann nur zu Weihnachten hier“, so Streese. Doch vor allem zu dieser Zeit zieht es ja bekanntlich viele Besucher in die Gotteshäuser. Und vielleicht ist unter den Kirchenführern dann auch wieder ein junger Student. Man weiß ja nie.

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