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Der Prignitzer

24. November 2017 | 01:23 Uhr

Das Gefühl, 80 Jahre alt zu sein

vom

svz.de von
erstellt am 15.Mär.2012 | 09:49 Uhr

Perleberg | Noch nie fiel mir das Laufen so schwer: Die Beine wollen sich nicht vom Boden lösen. Ich schlurfe mehr, als dass ich gehe. Meine Arme und Hände lassen sich nur mit viel Anstrengung bewegen. Ich kann mich kaum aufrecht halten. Mein Rücken drückt mich erbarmungslos nach unten.

Mein Blick ist getrübt. Ich sehe unscharf, kann nicht erkennen, was links und rechts von mir geschieht. Mein Hals ist steif. Umdrehen kann ich mich nur, wenn ich den ganzen Körper drehe. Jemand redet mit mir, doch seine Stimme ist viel zu leise. Ich verstehe nur die Hälfte dessen, was er sagt. Er drückt mir eine Capri-Sonne in die Hand, ich soll sie öffnen. Der Strohhalm fällt mir fast aus der Hand, als ich versuche, ihn von der Plastikfolie zu befreien. Es gelingt, aber mühsam. Ich trinke, der Saft schmeckt gut. Immerhin - mein Geschmackssinn funktioniert noch.

Was ist passiert? Ich bin nicht etwa krank, im Gegenteil: Ich bin kerngesund, sportlich, 1,74 Meter groß, 62 Kilo schwer, 27 Jahre alt. Doch jetzt gerade fühle ich mich wie eine 80-Jährige. Ich stecke in einem so genannten Alters-Simulationsanzug, der mich innerhalb von zwei Minuten um 53 Jahre altern ließ. Der Overall ist mit Bleigewichten versehen und wiegt 17,5 Kilo. "Er imitiert die Sinneswahrnehmungen eines durchschnittlichen, gesunden 80-jährigen Menschen", erklärt mir Björn Weggen. Der Potsdamer betreibt ein Unternehmen, das sich auf die Vermietung solcher Anzüge spezialisiert hat. Dieses Mal an die Gesundheitsschule Perleberg, die ihn für ihren Basisqualifikationskurs für ungelernt Pflegende benötigt.

Jeder Kursteilnehmer soll selbst einmal in einen solchen Anzug schlüpfen und ihn ein paar Minuten lang tragen. "Die Teilnehmer verstehen so besser, wie sich ein alter Mensch fühlt. Das hilft ihnen bei ihrer täglichen Arbeit mit ihnen", erklärt Christian Elger, Leiter der Gesundheitsschule, den Sinn dieses Experiments. "Das Tragen verändert die Sichtweise auf Ältere, es lernt zu begreifen, wieso alte Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten." Neben den 17 Kursteilnehmern darf ich als Journalistin den Simulator anprobieren, darin eine Runde durchs Haus und über den Hof wagen.

Björn Weggen ist dabei immer an meiner Seite, denn durch die zusätzlichen Kilo, komme ich schnell aus dem Gleichgewicht, vor allem beim Treppe steigen. Je mehr Schritte ich laufe, desto langsamer werde ich. Überhaupt komme ich nur im Zeitlupentempo vorwärts.

Die Gewichte, die die nachlassende Kraft simulieren, erfüllen ihren Zweck, werden immer schwerer. Die beschlagene Brille und die Kopfhörer bewirken, dass ich mich regelrecht abgeschottet von der Welt fühle.

Bilder von alten Menschen schwirren mir durch den Kopf: Das Rentnerehepaar, das an der Ampel steht und hofft, dass es bei der nächsten Grünphase unversehrt über die Straße kommt. Die Seniorin, die im Supermarkt an der Kasse steht und mühsam nach Kleingeld kramt. Der alte Herr, der mit seinem Auto mit 40 Stundenkilometern durch die Innenstadt fährt. Und ja, ich gebe zu, dass ich so manches Mal über die Langsamkeit der alten Leute geschimpft habe.

Aber jetzt? In dem Simulator steckend, bewundere ich die Menschen, die in hohem Alter hinterm Steuer sitzen, Sport treiben oder es schaffen, ihren Ehepartner zu pflegen. Letzteres wird auch in dem Kurs thematisiert: Ein Teilnehmer legt sich in ein Pflegebett, während ein weiterer im Simulationsanzug versucht, diesen umzudrehen. Keine leichte Aufgabe. Auch ich lege mich in das Bett und versuche, selbstständig wieder aufzustehen. Es klappt, aber wesentlich langsamer, als ich es gewohnt bin.

Kurz darauf werde ich wieder aus dem Anzug befreit und springe zurück in meine reale Lebenszeit. Ich bin froh, dass wieder alle meine Sinne funktionieren und ich mich ungehindert bewegen kann. Erleichterung stellt sich ein. Die Teilnehmer, die den Selbstversuch schon hinter sich haben, blicken mich wissend an.

Sie haben sich ähnlich gefühlt, wie etwa Doreen Schmelz berichtet: "Ich kann mir jetzt besser vorstellen, wie es ist, wenn der Körper nicht mehr so recht will und man vieles nicht mehr wahrnehmen kann. Und ich kann es jetzt absolut nachvollziehen, wenn alte Leute nicht mehr so gerne Treppen steigen wollen. Mir hilft das bei meiner Arbeit enorm."

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