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Der Prignitzer

13. Dezember 2017 | 16:07 Uhr

Perleberg : Das etwas andere Medizinstudium

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Erstes Fazit eines Experiments: Gelungen, Praxisärzte und Studenten begeistert / Angehende Mediziner früher und näher am Patienten

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Sie wagen ein Experiment: das Kreiskrankenhaus Prignitz, die Studenten, die Medizinische Hochschule Brandenburg. Die private Hochschule bietet nicht nur das erste Medizinstudium überhaupt im Land Brandenburg an, sondern strukturiert dieses anders, als es die klassischen Universitäten machen. Ein erstes Fazit der Akteure klingt vielversprechend.

Justus Christopher Reisenbüchler spricht ganz offen von „einem Sprung ins kalte Wasser“. Es gibt keine monothematischen Unterrichtsblöcke, sondern es wird fächerübergreifend gearbeitet. Heute Anatomie, morgen Biochemie. Dazu alle zwei Wochen ein Praxistag. „Man ist ständig auf der Suche nach Informationen“, sagt er.

Ältere Semester können sie nicht fragen. Die 47 Studenten sind der erste Jahrgang. „Die Bibliothek ist noch klein, nicht richtig gut ausgestattet. Ruhige Leseräume fehlen ebenfalls“, ergänzt Farnoosh Motazedian. Viele Bücher müssen sie selbst kaufen. Eine teure Angelegenheit, „aber E-Books mag ich nicht, ich muss die Bücher anfassen, darin arbeiten können“.

All das klingt nach wenig Begeisterung. Doch weit gefehlt. Die beiden Studenten winken entrüstet ab: „Das ist anstrengend und manchmal wünschte ich mir ein normales Medizinstudium, aber es macht Spaß“, erklärt Justus Christopher Reisenbüchler. Vor allem die frühe Verbindung zur Praxis sei toll. „Die Praxisärzte sind begeistert von uns. Das ist ein richtig gutes Gefühl“, sagen sie.

Schon im ersten Semester seien sie an der Anamnese, also der Diagnostik, beteiligt. Sie arbeiten in Praxen von Hausärzten mit, später werden sie bei Fachärzten hospitieren. Damit seien sie viel früher und näher am Patienten als in der klassischen Ausbildung. „Dieses Konzept hat mich überzeugt, gerade der frühe Kontakt zu den Patienten“, sagt Farnoosh Motazedian. Zwar habe sie anfangs gezögert, da die Hochschule noch ganz neu sei, aber bereut habe sie ihre Entscheidung keinesfalls.

Die Bewerbung war kein Spaziergang. 600 Interessenten gab es, 145 Kandidaten wurden zum Gespräch eingeladen. Diverse Tests folgten, Gespräche im Beisein von Gutachtern und es wurde viel Wert auf soziale Kompetenz gelegt, sagen sie. „Nur wer gut in Naturwissenschaften sei, müsse nicht automatisch ein guter Arzt werden“, bringt es Justus Christopher Reisenbüchler auf den Punkt.

Er hat 2013 sein Abitur abgelegt und verzweifelt nach einer Universität gesucht. Doch es klappte nicht, meistens war sein Zensurendurchschnitt nicht gut genug und andere Fähigkeiten seien bei Numerus-Clausus-Fächern mit Zulassungsbeschränkung nicht gefragt.

Das Studium in Neuruppin müssen die Studenten selbst finanzieren. 115 000 Euro beträgt die Gebühr, 11 500 Euro pro Semester. Dazu kommen 160 Euro für das Semesterticket. „Ich bekomme ein Stipendium, sonst hätte ich hier nicht studieren können“, so Justus Christopher Reisenbüchler. Seine Kommilitonin hat ein Darlehen aufnehmen müssen.

Bei der Finanzierung kommen auch die beteiligten Krankenhäuser ins Spiel, die einen Teil der Studiengebühren tragen. „Im Gegenzug absolvieren die Studenten nach dem 12. Semester und dem Staatsexamen ihre Facharztausbildung in unserem Haus“, erklärt Karsten Krüger, Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses in Perleberg. Wie schon beim Medizinstipendium versuche die Klinik dadurch frühzeitig, Ärzte und Fachpersonal nach Perleberg zu locken und möglichst hier zu halten. 

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