Ungewöhnliche Liebesgeschichte : „Clownerie geht auch noch am Rollator“

So kennt man sie: Als Tacki (l.) und Noisly in Aktion. Fotos: felix alex/privat(2)
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So kennt man sie: Als Tacki (l.) und Noisly in Aktion. Fotos: felix alex/privat(2)

Eva Müllen und David Griffiths reisten als Künstlerduo durch Europa und wurden in der Prignitzer heimisch

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08. Juli 2015, 14:09 Uhr

Mal laut und grummelig, mal artistisch, mal mit Komik oder Slapstick und dabei immer auf das Lachen der Zuschauer bedacht, ziehen Eva Müllen und David Griffiths seit Jahren durch die Prignitz. Sie kennen die beiden nicht? Vielleicht fällt der Groschen bei zwei anderen Namen: Tacki und Noisly. Doch nicht nur in der Region sind die beiden unterwegs. Zu Orten in ganz Deutschland brechen die zwei aus ihrem Domizil in Dannenwalde regelmäßig auf. Doch war der Weg, den die beiden bis zu ihrem Brandenburger Idyll zurücklegten, sehr lang und an einen festen Wohnsitz zu Beginn ihrer Karriere noch nicht zu denken.

Vor allem David Griffiths war Ursache und später auch treibende Kraft auf diesem stationsreichen Weg. Hineingeboren in eine Artisten- und Künstlerfamilie, tourte David Griffiths schon als Kind durch ganz Europa oder Nordafrika. „Mit meinen Eltern und Großeltern sind wir mit Gesang und Musik umhergereist und haben einmal sogar versucht, eine Wüste zu durchqueren“, erzählt er. „Als ich etwa zehn Jahre alt war, haben wir uns einem englischen Zirkus angeschlossen, sind durch Spanien gereist und haben viel trainiert.“

Vor allem für den jungen David und seine sechs Geschwister war dies eine lehrreiche Zeit. „Hier habe ich Jonglieren, Einradfahren, Feuer schlucken und spucken gelernt und vor allem auch Akrobatik trainiert“, erzählt er. Doch wollte er schon damals weg von den reinen Straßenauftritten. „Ich wollte engagiert werden und habe in der Folgezeit mehr Theaterfestivals besucht“. Eines Tages verschlug es ihn dann in die Schweiz, was sein Leben nachhaltig verändern sollte.

So saß an einem Abend auch eine junge Motorradmechanikerin im Publikum, die gebannt das Spektakel verfolgte. „Eine Freundin hatte mich mitgeschleppt und die Atmosphäre hat mich gleich in ihren Bann gezogen“, erzählt Eva Müllen, deren Eltern Jahre zuvor aus Deutschland in die Nähe von Zürich ausgewandert waren. „Am nächsten Tag bin ich wieder hingegangen, habe den ganzen Abend den Künstlern zugesehen und bin dann mit einer Frau ins Gespräch gekommen“. Auch wenn die Konversation in „schrecklichstem Schulenglisch“ vollzogen wurde, folgte sie der Dame und saß wenige Minuten später dem Mann gegenüber, der noch heute an ihrer Seite verweilt.

Was dann folgte, scheint beinahe leichtsinnig. „Ich war damals mit meiner Lehre unzufrieden und wollte den Platz wechseln oder ins Ausland gehen. Drei Tage später sollten die Künstler weiterziehen und David hat zu mir gesagt: ,In zwei Jahren, wenn deine Ausbildung fertig ist, hole ich dich und wir heiraten‘. Innerhalb einer Woche habe ich dann aber mein Leben in Tüten gepackt, mein Motorrad verkauft, meine Lehre abgebrochen und auf einen Anruf gewartet, immer mit der Sorge, dass es für ihn ja auch nur ein Flirt hätte sein können“, erinnert sie sich. Doch der Anruf kam und ihre Worte veränderten ihr Leben: „Du kannst mich abholen, ich bin fertig.

Mit wenigen Worten in ein neues Leben

Was dann folgte, war eine Künstlerausbildung im Schnelldurchlauf. „Wir sind anschließend durch Holland, Deutschland und Sizilien gereist und ich hab in drei Monaten alles gelernt und vertieft“, so Eva Müllen. Von Sizilien aus sollte es für das junge Paar jedoch allein weitergehen. „Wir haben nur drei Keulen mitgenommen und sind zu Fuß bis Holland gekommen, wo uns Freunde den ersten Lkw überlassen haben“, erinnert sich David.

Eine erste richtige Show wurde entwickelt – Elemente mit Feuer, aber auch Sketche und Slapstick mit Grimassen kamen hinzu und so waren die beiden in ganz Europa unterwegs. „Holland, Deutschland, Schweiz, Sizilien, Italien – wir haben immer im Lkw gelebt und die Welt war unser Garten“, beschreiben beide die schöne und unbeschwerte Zeit.

„1994 waren wir dann das erste Mal in der Prignitz und haben mit einem Bekannten von hier eine Räubergruppe gegründet, mit der wir auf Mittelaltermärkten in Mecklenburg und Brandenburg aufgetreten sind“, so Eva Müllen. Doch sollte das unstete Leben hier noch nicht enden. „Manchmal verläuft der Lebensweg eben nicht ganz so gerade“, formuliert sie. Sizilien war wieder erster Anlaufpunkt bevor 1996 in Wien das erste Kind mit Tochter Lisa geboren wurde.

„Wir sind dann wieder in die Prignitz gekommen, haben hier in der Nähe von Bekannten in unserem Lkw gewohnt und dann kam das zweite Kind“, erzählt sie. Nun stand die Frage im Raum, entweder einen zweiten Bauwagen anzuschaffen oder in ein Haus zu ziehen. „Auch wenn mein Mann dachte, die Frau ist schwanger und bekommt sich schon wieder ein und die Reisen gehen weiter, haben wir ein Dachgeschoss ausgebaut und sechs Jahre dort gelebt, bevor wir nach Dannenwalde in unser Haus kamen.“

„Am Anfang war es ein ziemlicher Kulturschock auf einer Stelle zu sein, aber die Prignitz ist wie Sizilien – wild und ursprünglich, man kann selbst Sachen anbauen, sich versorgen und entspannt leben“, formuliert es auch David Griffiths heute. 15 Jahre sind die beiden mittlerweile hier, haben beinahe jährlich neue Stücke entworfen und sind mit Zaubershows, Artistik und Clownerie unterwegs. Dass die beiden Tacki und Noisly wurden, hatte hingegen praktische Gründe.

„Tacki entstand bei Auftritten in Griechenland aus einem Parodie eines grummeligen Hausmeisters heraus“, so David über seine Kunstfigur. Noisly wurde hingegen eher aus der Not heraus geboren. „Am Anfang konnte ich ja noch nicht viele artistische Elemente. Davids Mutter hat viel Clownerie gemacht und ich bin dann mit ihr zusammen aufgetreten und habe meine Unwissenheit mit viel Lärm kompensiert“, so Eva. Aus dem Englischen Wort für laut „noisy“, entstand der Spitzname, den sie bis heute trägt. „Hier ging es dann 1995 los. Wir haben alle Kitas angerufen und wurden dann „die Clowns aus der Prignitz“, erzählt sie.

100 Tage im Jahr auf Tour

Mittlerweile kamen mehr Geschichten hinzu, wirken die beiden auch zirkuspädagogisch und lassen die artistischen Einlagen etwas in der Hintergrund treten. „Wir passen uns immer an und entwickeln uns weiter. Mittlerweile spielen wir ja schon für die nächste Generation“, erzählt sie. Die Feuershows laufen langsam aus. „Aber Clownerie geht auch noch am Rollator“, meint Eva Müllen. Dass es auch so lange geht, dafür sorgt ein Grundstock an Stammkunden. „Wir freuen uns immer, in der Region zu spielen, haben aber auch Kunden im Harz oder sind auf Mittelaltermärkten in den benachbarten Bundesländern“, so David Griffiths. Etwa 100 Tage sind die beiden insgesamt im Jahr unterwegs.

Und auch die übrige Zeit herrscht selten Ruhe. Eva ist seit mehreren Jahren im Pritzwalker Reitverein engagiert, während David seine Freizeit in der örtlichen Feuerwehr oder auf seinem Enduro-Motorrad verbringt.

Tochter Lisa zieht es anders als die Eltern jedoch nicht auf die Bühne. Bei Sohn Sam könnte es hingegen noch etwas werden. „Er fährt Einrad und auch schon vor Publikum. Jedoch wollen die Kinder doch meist das Gegenteil der Eltern sein – also in unserem Fall eher konservativ“, so Eva Griffith schmunzelnd.

Und noch wilder als das Leben der beiden ist auch wirklich schwer vorstellbar.

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