Jungfernfahrt des Oldtimers in Perleberg : Busfahrt in die Stadtgeschichte

Auch eine Kuriosität: Der letzte Busschaffner fuhr 1965 in Wittenberge, der Oldtimerbus ist Baujahr 1965. Am Sonnabend chauffierte er die Geburtstagsgäste von Vera Kohls (3. v. r. ) mit Jürgen Schmidt als Schaffner.
Auch eine Kuriosität: Der letzte Busschaffner fuhr 1965 in Wittenberge, der Oldtimerbus ist Baujahr 1965. Am Sonnabend chauffierte er die Geburtstagsgäste von Vera Kohls (3. v. r. ) mit Jürgen Schmidt als Schaffner.

Oldtimer und Schaffner Jürgen Schmidt chauffierten Geburtstagsgesellschaft durch die Perleberger Historie

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08. August 2016, 12:00 Uhr

Glückwunsch! Vera Kohls, ein Perleberger Urgestein, feierte am Sonnabend ihren 79. Geburtstag. Und als Überraschung für die Familie lud sie Kinder, Enkel und Urenkel zu einer Busfahrt ein. Es versteht sich von selbst, dass alles schon etwas Besonderes sein sollte, wie das Geburtstagskind betont. So wurden der Oldtimerbus samt Stadtführer Jürgen Schmidt, natürlich in standesgemäßer Robe, gechartert. Und auf ging es mit 50 km/h bzw. langsamer zur ersten offiziellen Bustour in die Geschichte der Rolandstadt.

Vorbei führte die Fahrt am Weinberg und dem Galgenberg, wo am 12. Oktober des Jahres 1850 Peter Braun öffentlich hingerichtet wurde. Wo jener aber wahrhaftig verscharrt wurde, wie für Hingerichtete üblich, weiß niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Auf jeden Fall wurde das Urteil als erstes und einziges mit dem Beil vollstreckt. Auf dem Sterbebett gestand sein Bruder dann, dass er der eigentliche Mörder war. So erhielt Peter Braun auf der Nordseite des Weinberges ein Grab in Blickrichtung Groß Buchholz, wo er einst als Kossät lebte. Interessant, doch für jene Tage nicht außergewöhnlich, dass von den 6000 Einwohnern, die Perleberg damals zählte, 2000 der Hinrichtung beiwohnten.

Diese und viele andere Geschichten weiß Jürgen Schmidt zu erzählen. Unter anderem hat Perleberg seit dem Jahre 1896 eine Rarität von Rang und Namen. Die Rede ist von dem Jugendstil-Wandfliesenbild, das heute noch in der ehemaligen Fleischerei und jetzigen Gastlichkeit am Großen Markt zu sehen ist. Jenes und ein weiteres, das in einem Milchgeschäft in Dresden seinen Platz fand, waren auf der Weltausstellung in Paris.

„Perleberg ist ein Traum für jeden Stadtführer“, schwärmt Jürgen Schmidt, der seit 22 Jahren durch Wittenberge führt und hier bislang auch mit dem Oldtimerbus auf Fahrt ging. Das lief dort so gut, dass er jene Touren nun auch in Eigeninitiative in Perleberg anbietet. „Die Stadt hat es einfach verdient, mehr ins Blickfeld zurücken.“ Es gebe so vieles, über das sich erzählen ließe, betont er, und schon sprudelt es aus ihm heraus: Der Perleberger Senf, die Perleberger Schuhwichse, die 1900 in Preußen ein Begriff war. Dafür habe das Militär gesorgt. Allein die über 300-jährige Militärgeschichte der Stadt sei ein unerschöpflicher Quell. Für Jürgen Schmidt sind es weniger die Daten und Fakten, die eine Stadt interessant machen, sondern vielmehr die kleinen Geschichten über die Leute, die hier lebten, über Geschehenes aus längst vergangenen Zeiten.

Themenkreise, daran mangelt es Perleberg mit seiner wunderschönen historischen Altstadt und der Insellage wahrlich nicht, die muss man einfach entdecken, aufbereiten und die Menschen mitnehmen auf den etwas anderen Exkurs durch die Geschichte. Dass man das lernen kann, steht für ihn außer Frage. „Erst 2015 habe ich für Seehausen Stadtbilderklärer ausgebildet und mit Stendal bin ich derzeit in Verhandlung“, so Jürgen Schmidt. Auch der Stadt Perleberg habe er dieses Angebot unterbreitet. Doch bis jetzt gab es keine Reaktion.

Die Tour durch die Historie der Rolandstadt mit Abstecher auf Schusters Rappen zur Stadtmauer, zum Rathaus und zum Roland kam bei den Geburtstagsgästen jedenfalls super an.  

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