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Nazi-Demo in Wittenberge : Bunt vertreibt Nazis aus der Stadt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Erfolgreiche Gegenproteste zwingen rechten Aufmarsch der Freien Kräfte Neuruppin/Prignitz vorzeitig zur Umkehr

Ausnahmezustand am Bahnhof in Wittenberge. Absperrgitter riegeln einen unkontrollierten Zugang ab. Wer zu seinem Zug möchte, muss sich ausweisen. Die Bereitschaftspolizisten sind unerbittlich, dulden keine Ausnahme – auch nicht gegenüber der Presse. Die vielen Polizeifahrzeuge, die teilweise in Schutzmontur wartenden Beamten, der permanente Funkverkehr sorgen für eine gespenstische Situation.

„So viel Polizei habe ich noch nie gesehen“, meint ein kleiner Junge staunend an der Hand seiner Mutter. Sie findet das gar nicht lustig. „Ich komme aus Berlin, die Großeltern sollten uns abholen, aber nun müssen wir wohl laufen. Das ist Scheiße“, sagt die Mutti und geht an den Polizisten vorbei.


Reisende erschrocken über Polizeipräsenz

Im Kiosk herrscht Betrieb. Pausenlos surrt die Kaffeemaschine. Draußen ist es ungemütlich, hier drinnen der einzig beheizte Ort – für Polizisten, Reisende und Demonstranten. „Durch solche Aufmärsche darf man sich nicht einschüchtern lassen, deshalb öffnen wir“, sagt Inge Richter. „Schwarz oder mit Milch“, fragt sie, kassiert ab und zeigt aus dem Fenster auf das große Banner mit der Aufschrift „Schöner leben ohne Nazis.“ „Das gefällt mir sehr gut und noch viel besser, dass all diese Jungs hier sind und für Sicherheit sorgen“, meint sie zu den Polizisten.

Hanna und Heinz Kolbe geben zu, beim Ausstieg einen gehörigen Schreck bekommen zu haben. Schon in Magdeburg sei ihnen die starke Polizeipräsenz aufgefallen, im Kiosk erfuhren sie die Gründe und schütteln den Kopf: „Wir sind entsetzt, dass sich die rechte Szene immer noch so etablieren kann“, sagt Heinz Kolbe, Jahrgang 1936. Er und seine Frau haben Angehörige im Weltkrieg verloren. „Der Krieg hat uns tief geprägt. Die Rechten hier und heute haben diese Erfahrung nie gemacht“, verurteilen sie deren Gedankengut.

Die Rechten schotten sich ab, wollen unter sich bleiben. Pressefragen sind unerwünscht und werden höflich, aber bestimmt abgewiesen. Kurz nach 12 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Ein Lautsprecherwagen fährt voran. Falls jemand aus dem Fenster schaut, hört er etwas vom Niedergang deutscher Städte, blickt auf Banner und Fahnen herab. Ein Knall schreckt Polizisten auf. Böller fliegen in Richtung der Demonstranten in der Maxim-Gorki-Straße. Autonome Linke laufen davon, versuchen zwischen Neubaublöcken und Gärten zu entwischen. Einen Werfer nimmt die Polizei fest.


Im Horning geht es nicht weiter


Über die Perleberger Straße erreicht der Zug den Horning und stockt. Eine erste Sitzblockade. Die Polizei verzichtet darauf, sie zu räumen, sondern schottet die Gegendemonstranten ab und führt den Aufmarsch daran vorbei. Zehn Meter weiter die nächste Sitzblockade und dahinter gleich noch eine. Auf Höhe des Penny-Marktes müssen die Neonazis nach rechts ausweichen, ihre Route verlassen. Auf dem Parkplatz beim DRK-Club halten sie für eine Kundgebung. Mehrere Redner sagen, was sie zu sagen haben. Zuhörer gibt es hier nicht. Polizei und Versammlungsführer verhandeln über den weiteren Weg. Rundherum protestieren Nazigegner. Ihre Trillerpfeifen und Megafone übertönen die anderen Reden.

Nach gut 20 Minuten bewegt sich der Zug wieder zurück zur Perleberger Straße. Der Polizei gelingt es, Zwischenfälle zu vermeiden. Immer wieder versuchen Störer, bis zu den Rechten vorzudringen. Sie laufen nach links, nach rechts, tauchen ständig irgendwo auf. Fast wirkt es wie ein Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei.

Längst hat sich herumgesprochen, wo die Neonazis entlang gehen. Zuvor hatte die Polizei die Route geheim gehalten. Doch jetzt eilen immer mehr Gegner der Rechten herbei, organisieren ihren friedlichen Protest.


Zerknirscht geben die Rechten auf


Quer über die Perleberger Straße blockiert auf Höhe der Krause- bzw. Mozartstraße eine stabile Menschenkette den Zug. Schon wieder müssen die Rechten stoppen. Sie sind sauer, wirken zerknirscht. Der Versammlungsführer verhandelt mit der Polizei, fordert, dass die Beamten die Straße räumen und sie wie geplant und beantragt bis zum Stern gehen können. Die Einsatzleitung schlägt eine Rückkehr zum Bahnhof vor, doch das wird abgelehnt.

Eine gute halbe Stunde stehen sich beide Seiten gegenüber, getrennt von Absperrgittern und einem Polizeiriegel. Weitere Redner greifen nicht zum Mikrofon. Laute Stimmung macht nur noch eine Seite, und die präsentiert sich mit Bürgern der Stadt, lokalen Politikern und Landesminister als äußerst bunt.

Die Rechten drehen ab, schwenken wieder in die Maxim-Gorki-Straße ein. Mit Beifall und grellen Pfiffen quittieren deren Gegner ihren Triumph. Gerade erst waren weitere 50 Rechte aus Stendal dazu gestoßen, jetzt stehen sie gemeinsam schon wieder am Bahnhof. Nur wenige hundert Meter haben sie es in die Stadt hinein geschafft, waren gerade mal in vier Straßen präsent.

Um 14.45 Uhr beenden die Rechten ihre Versammlung, reisen schnell und unauffällig mit Zügen ab. Verabschiedet werden sie mit lauter Musik. Am anderen Bahnhofsende hat sich spontan eine neue Versammlung gebildet. Jetzt kommt sogar Volksfeststimmung auf. Wittenberger hat sich bunt präsentiert, und wer in seinem Garten saß, einkaufen oder daheim war, hat von den Rechten nichts mitbekommen.


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erstellt am 06.Apr.2014 | 20:00 Uhr

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