Bunt, schrill und für jeden Anlass

Weihnachtsservietten werden im Werk der Victor Group in Neuruppin produziert. Drei Monate vor Heiligabend herrscht Hochbetrieb in dem Werk. bernd settnik/dpa
Weihnachtsservietten werden im Werk der Victor Group in Neuruppin produziert. Drei Monate vor Heiligabend herrscht Hochbetrieb in dem Werk. bernd settnik/dpa

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13. September 2012, 09:26 Uhr

Neuruppin | Baumkugeln, rote Kerzen, Wichtelmänner, Elche, Tannengrün, Zapfen oder Schneekristalle - im Neuruppiner Werk der Victor Group herrscht gut drei Monate vor Heiligabend Weihnachtsstimmung. Papierservietten werden mit den Festtagsmotiven bedruckt. Etwa 13 000 Packungen spuckt eine Druckmaschine pro Schicht aus. Discounter in Deutschland, der Schweiz, Spanien, Frankreich und Italien erweitern in diesen Tagen ihr Sortiment aus Neuruppin.

Nach Schätzungen werden etwa 120 Millionen Packungen Servietten im Jahr in Deutschland von etwa einem halben Dutzend Unternehmen produziert, sagt Jens Boggel, Vertriebsleiter der Victor Group mit Sitz in Frechen (Nordrhein-Westfalen). Etwa ein Fünftel kommt nach Firmenangaben aus dem Neuruppiner Werk mit 75 Mitarbeitern. Der traditionelle Hersteller von Aluminiumfolien und Plastiktragetaschen erweiterte 2002 sein Programm um Papierservietten. "Der Markt im Discountbereich war bis dahin unterentwickelt", meint Boggel.

Eine neue Halle wurde am Standort gebaut. Jetzt arbeiten zwei Serviettendruckmaschinen in drei Schichten - in Hochzeiten auch rund um die Uhr. Anfangs wurden 10 Millionen Packungen - mit jeweils 30 oder 40 Stück - im Jahr produziert. Jetzt liegt nach Angaben von Boggel die Jahresproduktion bei etwa 24 Millionen Stück: entweder 33 mal 33 oder 40 mal 40 Zentimeter groß. Zehn Prozent des Umsatzes der Gruppe von insgesamt rund 100 Millionen Euro mache heute das Produkt aus. Deutschland habe sich zum Papierserviettenland gemausert, sagt Boggel.

Die Gewissensfrage ist für Stilexperten schon lange nicht mehr Papierserviette oder weißes gestärktes textiles Mundtuch. "Natürlich sind Tuchservietten höherwertig, aber auch sehr arbeitsintensiv", sagt der Salzburger Kulturwissenschaftler Lothar Kolmer, der sich mit Essensforschung und Kultur der Gastlichkeit beschäftigt. In der gehobenen Gastronomie gehöre das immer noch zur Tischkultur, es gebe aber auch ganz gute Papierservietten. Der Stilexperte zeigt sich gnädig gegenüber manchen Ausrutschern im Design: "Man darf nehmen, was man will und meint, es passt zusammen."

Etwa 200 Motive werden im Jahr im Neuruppiner Werk gedruckt. 10 000 bis 12 000 Motive sind im digitalen Firmenarchiv als Inspiration gespeichert. Das letzte Wort bei der Auswahl haben die Kunden. Gefragt ist derzeit das Motto "Mix it": Fotoprint mit Gemaltem, mit Stickereioptik oder Patchwork. "Die Discounter wollen eine breite Geschmacksvielfalt abdecken, dazu saisonale Aktionen wie Weihnachten, Ostern, Halloween oder Sportereignisse", sagt Boggel.

Bei Servietten und der Gestaltung des Designs haben aktuelle Wohn- und Dekotrends einen wichtigen Einfluss, heißt es bei der Messe Frankfurt, Veranstalter der internationalen Fachmesse Paperworld (26. bis 29. Januar 2013). Dort und auf der parallelen Christmasworld sind Anbieter von Servietten dabei. "Erlaubt ist, was gefällt oder zur persönlichen Wohndekoration passt", wird betont. Derzeit sind besonders Retroprints und Pastelltöne gefragt. "Dauerbrenner" sind maritime oder florale Motive.

Die 350 Kilogramm schweren Rollen mit 10 000 Meter dreilagigem Papier werden in Neuruppin in mehreren Gängen mit wasserbasierten Farben bedruckt. Dann gibt es eine individuelle Prägung am Rand, die Servietten werden geschnitten, gefaltet, eingeschweißt und verpackt.

Dazwischen kommt die Qualitätskontrolle. Getestet wird unter anderem mit einer Speichelsimulanz, Essigsäure und Olivenöl, zeigt Qualitätsmanager Hubert Golenia. Beim Abtupfen des Mundes nach dem Genuss eines Salats darf der aufgedruckte Weihnachtsmann keine Spur hinterlassen.

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