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Der Prignitzer

18. November 2017 | 18:56 Uhr

Ein Tag als... : Bügeln kann Spaß machen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Tag als Textilreinigerin: Volontärin Wibke Niemeyer reinigt Schmutzwäsche und macht Berufskleidung faltenfrei

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 16:00 Uhr

„Heute Abend brauchst du keinen Sport machen.“ Diesen Satz höre ich in der Großwäscherei Kutscher immer wieder. Einen Vormittag lang arbeite ich dort als Wäscherei-Fachkraft in der Textilreinigung. So viel vorweg. Mich erwartet mehr als nur Waschbrett, Kernseife und Bügeleisen.

An der Waschstraße. Mein Dienst beginnt. In Arbeitskleidung. Im blauen Kittel und mit Gummihandschuhen. „Damit du dir keine Keime von der dreckigen Wäsche einfängst“, sagt Wäscher Frank Freitag und gibt mir einen Tipp: „Beim Sack aufmachen, Luft anhalten.“ Er öffnet den Knoten. Schmeißt den Sack samt Inhalt auf das Band. Sortiert wird nicht. Überwiegend Handtücher, Bettwäsche und Tischdecken werden gereinigt. Das Förderband besteht aus neun Kammern. „In eine Kammer kommen ungefähr 36 Kilo Wäsche“, erklärt Freitag. In einen Computer hat er den Auftrag des Kunden eingegeben. Waschprogramm „Haushalt 40 Grad“.

So geht das den ganzen Tag über. Morgens kommen die Lieferungen aus dem Hotel, Altenheim oder Krankenhaus. Manche Kittel sind blutverschmiert. Manche Oberteile und Hosen haben undefinierbare Flecken. Ich öffne den ersten Sack. Ein beißender Geruch von altem Schweiß. Ich rümpfe die Nase. Fortan beherzige ich Franks Ratschlag.

Wir holen einen Rollwagen nach dem anderen aus der Lagerhalle. Sie sind mit Stoff ausgekleidet. Schutzmaßnahme. Jeder Wagen hat zehn bis 15 Säcke Schmutzwäsche. Jeder Sack wiegt etwa zehn Kilo. Wir hieven sie auf das Band. Das Beladen ist anstrengend. Geht ganz schön in die Arme. Männerarbeit? „Das machen auch Frauen“, sagt Freitag. Er grinst. Ist ein Container leer, wird er desinfiziert.

Frank Freitag bestimmt per Computer den weiteren Weg der Säcke. Über einen Aufzug geht es einen Stock höher. Bleiben schließlich über der Waschmaschine hängen. Abladen.

Ob OP-Bekleidung, Bettwäsche, Handtücher oder Putzlappen: Täglich werden sechs Tonnen Wäsche gereinigt. Die Waschmaschinen, Bügelautomaten und Mangeln werden vorwiegend von Frauen in zwei Schichten bedient. Fünf Lkw holen die Schmutzwäsche ab, bringen die saubere wieder in die Häuser.

Nach gefühlten 100 Säcken wechsel ich von der Schmutzseite auf die saubere Seite. Zu den Aufschlagern. Seitenwechsel heißt Kleidungswechsel. Statt blauem Kittel nun weißer. Hygienevorschrift.

Am Ende der Waschstraße. Es riecht nach frischer Wäsche. Die Hoffnung, dass ich mich hier erholen kann, währt nicht lang. Über ein Förderband kommt die saubere Wäsche zu uns. Gepresst, feucht und dementsprechend schwerer. Meine Brille beschlägt.

Zwei Minuten läuft das Band, bevor wir uns etwa eine halbe Minute auf die nächste Ladung vorbereiten können. Handtücher und Putzlappen werden aufgeschlagen. In Form gebracht. Wir werfen sie in den Container am Ende des Bandes. Bettwäsche landet in dem Container hinter mir.

Das Band ist viel zu schnell. Komme nicht hinterher. Gerate durcheinander. Werfe ein Handtuch in den falschen Container. Ziehe immer wieder die Wäsche mit beiden Händen zurück, um den Berg erneut durchzugehen. Nichts soll mir durch die Lappen gehen. Ständig neue Wäscheberge, die keinen Aufschub dulden. Arbeiten im Akkord. Schweißperlen auf meiner Stirn. Hohe Luftfeuchtigkeit im Raum. Der Kittel scheint nicht atmungsaktiv zu sein.

An der Kittelpresse. Gaby Misigaiski weist mich in den Bügelautomaten ein. Zuerst der Kragen. Dann die Ärmel. „Pass auf, dass du dich nicht verbrennst. Die Geräte sind sehr heiß“, warnt sie mich und erzählt, dass sie nach dem Bügeln mal mit ihrem Arm an einen Druckknopf gekommen sei. Aller Anfang ist schwer. Bügelfalten. „Das darf beim ersten Mal passieren“, sagt Misigaiski. Besprüht die Stelle mit Wasser. Dieses Mal klappt es. Innerhalb von nicht mal einer Minute ist der Kragen glatt. So macht Bügeln Spaß.

An der Mangel. Zerknitterte Kochwäsche wie Tischdecken und Bettwäsche werden knitterfrei. Wichtig ist, dass sie gerade und dicht hintereinander aufgelegt werden. Am Ende falte ich die Textilien. Bereite die fertige Wäsche für die Lieferung vor.

Ob als Belader, Aufschlager oder Mangeler. Es ist zweifelsohne ein Knochenjob. Doch das optimistische Personal nimmt es sportlich.



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