Reckenziner Wiesenweihen : Brut vor Mähdrescher gerettet

Nest der seltenen Wiesenweihe im Grünroggenschlag bei Klein Warnow entdeckt / Drei Jungvögel erfolgreich großgezogen

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23. Juli 2015, 12:00 Uhr

„Zwei Junge sind bereits flügge, das dritte ist zwar noch im Nest, aber auch schon drauf und dran. Die schwierigste Zeit am Boden ist überstanden“, berichtete gestern Dr. Jürgen Kaatz sichtlich erleichtert. Der Ornithologe aus Dranse bei Wittstock hatte sich mit seinen Mitstreitern vom Wildtierhilfe Prignitz e. V. im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises und in Abstimmung mit der Staatlichen Vogelschutzwarte des Landes Brandenburg, wie er mitteilte, in den vergangenen Wochen um eine in der Prignitz äußerst seltene Brut der Wiesenweihe (Circus pygargus) auf einem Grünroggenschlag zwischen Klein Warnow und Reckenzin gekümmert.

„Als die Brut entdeckt wurde, waren es vier Junge. Bei der Wiesenweihe ist es üblich, dass das jüngste Geschwisterchen von den älteren getötet wird. Aber wir freuen uns, dass wir drei groß bekommen haben“, so Dr. Kaatz, der die Jungen mit Fußringen der Beringungszentrale Hiddensee versah. „Vielleicht erfahren wir ja mal etwas über den Lebensweg dieser Reckenziner Wiesenweihen. Denn sie haben weite Wege vor sich, ihre Überwinterungsgebiete liegen in Zentralafrika. Die Verluste auf diesem Weg sind sehr hoch“, weiß der Experte, der in den vergangenen zehn Jahren bereits mehrere Wiesenweihebruten in der Prignitz – in Helle, Klein Triglitz und Groß Langerwisch – betreut hat. „Noch vor wenigen Jahren war die streng geschützte Art in der Prignitz ausgestorben. Jetzt versucht sie, hier wieder heimisch zu werden“, so der Dranser, der seit 36 Jahren als Beringer für den Vogelschutz unterwegs ist.

Doch wie ist er bzw. die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises auf die Brut in dem Grünroggenschlag zwischen Reckenzin und Klein Warnow aufmerksam geworden?

Maik Lewerenz aus Reckenzin war auf besagten Feld mit einer Mähmaschine unterwegs. „Fast wären die noch sehr kleinen Jungvögel ein Opfer der Mähmesser geworden. Unmittelbar vor seiner Erntemaschine flog das Weibchen aus dem Roggen auf, um nicht selbst Opfer der Klingen zu werden“, wie uns der Ornithologe berichtete. Lewerenz reagierte geistesgegenwärtig, stoppte seine Maschine und unterrichtete Hans-Joachim Puls, den Leiter Pflanzenproduktion der Produktivagrargenossenschaft eG, von seiner Entdeckung. Puls informierte den Landkreis.

„Herr Lewerenz hat dem Nachwuchs einer der seltensten Vogelarten im Land Brandenburg sprichwörtlich in letzter Sekunde das Leben gerettet. Das verdient Anerkennung und ich kann nur ein großes Dankeschön sagen“, sagt Dr. Kaatz und ergänzt: „Es ist eigentlich fast unmöglich, von der fahrenden Erntetechnik aus, solche Brutvorkommen in hohen Pflanzenbeständen zu entdecken. Maik Lewerenz hat es trotzdem geschafft.“ Das Problem sei, dass die Jungen der Wiesenweihe zumeist erst Mitte bis Ende Juli flügge werden und sich die Bodennester häufig in Getreidebeständen befinden. Dies überschneidet sich oft mit den Ernteterminen, so dass alljährlich Bruten unentdeckt bleiben und durch Erntearbeiten unabsichtlich verloren gehen.“ erläuterte Dr. Kaatz weiter.

Er übernahm die Leitung und Koordination der Schutzmaßnahmen. In Abstimmung mit Hans-Joachim Puls organisierte der Verein „Wildtierhilfe Prignitz e. V.“ kurzfristig Zaunmaterial und schuf um das Nest eine technische Barriere gegen das Eindringen von Raubzeug. Der Reckenziner Landwirt Puls sorgte dafür, dass umgehend zwei große Fässer mit Gülle um den äußeren Nistbereich versprüht wurden. „Es muss dem Raubzeug und Raubwild richtig dick stinken, damit sie Abstand vom Brutplatz halten. Damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht“, sagte Dr. Kaatz. Mit Erfolg: Nach vorläufiger Information der Staatlichen Vogelschutzwarte war es wohl die einzige in diesem Jahr erfolgreich verlaufene Brut der Wiesenweihe im Land Brandenburg.

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