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Hochwasserschutz Prignitz : Breitwasser statt Hochwasser

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mehr als 300 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren in den Schutz vor Fluten gesteckt werden – Experten fordern mehr Platz für die Elbe

von
erstellt am 05.Mai.2015 | 20:00 Uhr

Immer höhere Deiche und immer mehr Spundwände – das waren bisher die Hauptbaumaßnahmen für den bundesweiten Hochwasserschutz. Das dies nicht das Allheilmittel ist, zeigte sich bei der Flut 2013. Ganze Ortschaften wurden überschwemmt. Dabei entstanden Schäden in Milliardenhöhe. Ursache sei, dass die zum Teil betonlastigen Schutzmaßnahmen die Elbe mehr und mehr einengen, heißt es vom BUND. Vor allem für die Unteranlieger würden die Schäden immer größer. 80 Prozent der natürlichen Überschwemmungsfläche hätte die Elbe bereits verloren. Aber der Fluss braucht mehr Platz – das ist die Hauptaussage der Infotage „Ökologischer Hochwasserschutz“, auf der Burg Lenzen in der vergangenen Woche.

Experten sowie behördliche und politische Vertreter aus verschiedenen Bundesländern trafen sich, um über ökologische Lösungen jenseits von höheren Deichen und neuen Spundwänden zu diskutieren. Zeitgleich teilte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks auf einer Bundespressekonferenz in Berlin mit, dass der Bund in den nächsten Jahren mehr als 300 Millionen Euro in Deiche und andere Schutzvorkehrungen stecken will. „Wir wollen also unsere Energie und die verfügbaren Mittel besser einsetzen, um Hochwasser vorzubeugen, anstatt hinterher wieder aufzubauen“, teilte Hendricks mit. Dazu würde der Bund in den Jahren 2016 bis 2018 jeweils 100 Millionen Euro zusätzlich bereit stellen.

Der Vorsitzende des BUND, Professor Hubert Weiger, begrüßte bei der Konferenz in Lenzen die geplanten Maßnahmen. „Bisher wurde leider mehr diskutiert, als umgesetzt und erst eingegriffen, wenn die Katastrophe schon passierte“, so Weiger. Technische Maßnahmen wie Deichverstärkungen und -erhöhungen, der Bau von Rückhaltebecken und Uferbefestigungen könnten seiner Ansicht nach den ökologischen Hochwasserschutz nicht ersetzen. Er sieht Lösungen im Schutz der Auen, in Überschwemmungsflächen und Deichrückverlegungen.

„Allein an der Elbe haben wir potenzielle Rückverlegungsflächen außerhalb von Siedlungen von 35 000 Hektar“, so Weiger. Nur zwei Prozent davon würden aktuell für Deichrückverlegungen genutzt werden. „Seit dem Jahrhunderthochwasser von 2002 sind lediglich acht Rückdeichungsprojekte mit einer Fläche von 1300 Hektar begonnen worden. Dazu gehört auch das vom BUND an der Elbe bei Lenzen initiierte Projekt.“ Der rückverlegte Deich würde dem Fluss etwa 460 Hektar Überflutungsfläche geben – Breitwasser statt Hochwasser. Laut Weiger hätte dadurch bei der Flut 2013 die Spitze bis zu 35 Zentimeter abgesenkt werden können.

Das wäre zudem nicht der einzige positive Effekt. Die Tier- und Pflanzenwelt würde sich in den Auen der Flüsse besonders gut entwickeln und eine große Artenvielfalt hervorbringen. Profitieren würden zudem Fischer und der Tourismus.

Wie gut das Prinzip der Deichrückverlegung funktionieren kann, konnten die Experten der Tagung direkt in Lenzen begutachten. Die dortige Deichverrückung weg vom Fluss gilt als das Vorzeigeprojekt. Diesem Beispiel solle schon bald das Gebiet Hohen Garbe im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe in der nördlichen Altmark folgen. Hier setzt das Projekt „Lebendige Auen für die Elbe“ an. Gefördert vom Bundesumweltministerium und vom Bundesamt für Naturschutz will der Trägerverbund Burg Lenzen gemeinsam mit dem BUND und weiteren Partnern den Auwald in der Hohen Garbe wieder zum Leben erwecken.

Aktuell trennt ein alter Deich die Fläche von der Elbe. Wasser gelangt nur verzögert in die Aue und fließt nur schwer wieder ab. Zurzeit wird geprüft, an welchen Stellen es sinnvoll ist, den alten Deich abzubauen, damit sich Hohe Garbe möglichst optimal entwickeln kann. Ein guter Weg, doch die Zeit rennt, meint Weiger: „Bundesregierung und Flussanrainer-Länder müssen endlich koordiniert handeln. Natur- und Hochwasserschutz ergänzen sich optimal, wenn möglichst viele neue Überschwemmungs- und Rückhalteflächen gesucht und ausgewiesen werden. Das bisher Geschehene reicht bei weitem nicht aus.“

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