Blackout stellt Kreis vor Probleme

Kein Standard, aber der Landkreis hat sich dafür entschieden: Mit einem Satellitentelefon können Erich Schlotthauer und der gesamte Krisenstab überall unabhängig von Strom und Netz telefonieren sowie ins Internet gehen.
Kein Standard, aber der Landkreis hat sich dafür entschieden: Mit einem Satellitentelefon können Erich Schlotthauer und der gesamte Krisenstab überall unabhängig von Strom und Netz telefonieren sowie ins Internet gehen.

Energieversorgung und Kraftstoffmangel sind bei tagelangem Stromausfall kritische Punkte, warnt Katastrophenschützer Erich Schlotthauer

svz.de von
13. März 2018, 13:12 Uhr

Sie surfen mit Hochgeschwindigkeit durchs Internet? Sie haben ihr Festnetztelefon abgemeldet und sind mobil erreichbar? Sie hören ausschließlich digitales Radio? Ihre App sagt Ihnen, wann der Kühlschrank leer ist? Glückwunsch! Dann sind Sie in der Moderne angekommen.

Aber was machen Sie bei einem länger anhaltenden Stromausfall? Dann sind Sie ein Pechvogel. Eine Analyse des Landkreises hat ergeben, dass es bei einem regionalen Blackout mehrere Probleme gibt, die ungelöst sind.

Nach dem Herbststurm 2017 waren manche Haushalte zwei Tage ohne Strom. Schnee und Eis sorgten Ende November 2005 im Münsterland für eine Katastrophe. Tagelang gab es in manchen Orten keinen Strom. „Seitdem beschäftigen wir uns intensiv mit diesem Thema“, sagt Erich Schlotthauer, Sachbereichsleiter Katastrophenschutz beim Landkreis. Workshops und Planspiele unter Beteiligung von Kommunen und Nachbarkreisen fanden statt. Auswertungen und Schlussfolgerungen ergaben: „Unsere Achillesferse ist die Kommunikationstechnik“, sagt Schlotthauer. Das zweite nicht gelöste Problem ist die Versorgung mit Benzin, denn ohne Strom funktioniert keine Tankstelle.

Wer den Bestseller „Blackout“ von Marc Elsberg gelesen hat, habe eine Vorstellung von dem, was passieren könnte. „Das Buch ist keine Fiktion, sondern sehr nah an der Realität dran“, urteilt Schlotthauer und nennt Beispiele.

„Handynetze brechen nach wenigen Minuten zusammen, denn die Sendetürme haben kaum Stromreserven.“ Wer auf das Internet hofft, hofft vergeblich. „Das gute alte Telefonkabel war stromunabhängig, aber die Verteiler der modernen DSL-Leitungen schalten sich ab. Sie haben dann kein Internet mehr.“ Beispiele aus der Notrufzentrale zeigen, was schon nach 20 Minuten Stromausfall passiert: „Es rufen Bürger an, die Kaffee kochen oder für ein Baby Milch erwärmen wollen.“ Kein Herd, keine Heizung funktioniert. „Einkaufen im Supermarkt ist nicht möglich“, sagt Schlotthauer. Bäcker backen kein Brot und in den Kühlräumen der Fleischer verdirbt die Ware.

Wichtiger als der private Haushalt sind im Katastrophenfall die Behörden und kritischen Einrichtungen. „Unsere Krankenhäuser haben bis zu 48 Stunden eine Notstromversorgung.“ Wertvolle Zeit, in der der Krisenstab Lösungen suchen kann. Verlegung von Patienten oder das Absagen nicht lebenswichtiger Operationen wären Möglichkeiten.

„Unser Katastrophenschutz wäre arbeitsfähig, wir haben Notstrom“, so Schlotthauer. Aber bei sechs Tagen wie im Münsterland oder einer noch längeren Phase müsste eine Lösung für den Treibstoff gefunden werden. „Wir haben bundesweit keine Regelung, welche Behörde im Ernstfall auf welches Treibstofflager zugreifen kann, aber genau das brauchen wir“, fordert Schlotthauer unisono mit anderen Landkreisen.

Aktuell müsste mit den Konzernen verhandelt werden. Zeit, die aber im Katastrophenfall nicht zur Verfügung steht. „Unsere Feuerwehren lagern keinen Diesel, höchsten ein wenig im Kanister. Auch unser Vorrat im Kreisdepot ist dafür nicht vorgesehen“, erklärt der stellvertretende Kreisbrandmeister Volker Lehmann.

Die Kommunikation von Feuerwehr und Polizei hingegen ist gesichert – für 72 Stunden. „Wir nutzen Digitalfunk, die Stromversorgung ist abgesichert“, so Lehmann. Wehren können ihre Funkgeräte in den Fahrzeugen aufladen, was wiederum voraussetzt, dass diese Dieselnachschub bekommen. Der Kreis selbst besitzt in seinem Einsatzleitwagen ein Satellitentelefon. „Damit haben wir, solange eine Gegenstelle existiert, immer Internet und können telefonieren, unabhängig von unserem Standort“, ergänzt Marcus Bethmann, Mitarbeiter im Katastrophenschutz.

Die Analysen des Kreises haben ergeben, dass die regionalen Energieversorger relativ gut vorbereitet sind, zumindest besser als die Kommunen: „Perleberg hat Notstrom, Pritzwalk schafft dafür die Voraussetzungen, aber Wittenberge ist nach meiner Kenntnis aktuell noch nicht vorbereitet“, sagt Erich Schlotthauer.

Es gibt eine Idee, Gerätehäuser technisch aufzurüsten, damit sie im Katastrophenfall als Krisenstäbe fungieren und über eine Notstromversorgung verfügen. Im Gegensatz zu Rathäusern seien sie flächendeckend verteilt und auf Grund ihrer bisherigen Funktionen schon gut ausgerüstet. Das sind klare Vorteile. Die Schwierigkeit sei die Finanzierung. Kommunen könne man das nicht abverlangen, dem Bundesland schon eher, meint Schlotthauer.

Als eine dritte Herausforderung bezeichnet er die Absicherung des Personalbedarfs: Die Mitarbeiter der Verwaltung und des Rettungsdienstes kommen aus einem Umkreis von 100 Kilometern. „Wir gehen davon aus, dass nur ein Drittel von ihnen im Ernstfall einsatzfähig sein wird“, befürchtet Schlotthauer. Für die Aufrechterhaltung der Leistungen sei das wenig.

In allen Szenarien spielte die Information der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Ohne Internet und Telefon seien die Möglichkeiten eingeschränkt. „Es bleibt das Radio, vorausgesetzt der Bürger hat ein Modell mit Batteriebetrieb und Batterien vorrätig“, sagt Schlotthauer, der unsere Tageszeitung ebenfalls in die Notfallpläne mit einbezieht. Notstrom hat die Redaktion nicht, aber je nach regionalem Ausmaß des Stromausfalls würden wir innerhalb des Medienhauses auf andere Standorte in Mecklenburg oder Schleswig Holstein ausweichen und die Berichterstattung fortsetzen können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen