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Der Prignitzer

20. September 2017 | 22:16 Uhr

Begleitschutz auf dem Schulweg

vom

svz.de von
erstellt am 25.Nov.2011 | 07:37 Uhr

Potsdam | Seit Wochen sorgt ein Mann in einem weißen Transporter für Verunsicherung. Er soll versucht haben, Kinder in sein Auto zu zerren, möglicherweise aus sexuellen Motiven. Derartige Schilderungen häufen sich: Allein seit September sind 30 Hinweise bei der Brandenburger Polizei eingegangen - so viel wie in den ersten acht Monaten des Landes. Bislang hat sich keiner der Verdachtsfälle erhärtet. Vermutlich gibt es diesen Mann nicht. Meldungen über einen "Kinderfänger im weißen Kleinbus" aus dem süddeutschen Raum, die seit Beginn des neuen Schuljahres im Internet kursieren, haben sich laut Polizeiangaben als falsch herausgestellt.

"Wir nehmen jeden Hinweis ernst, warnen aber vor Hysterie", sagt Anja Resmer, Sprecherin des Potsdamer Polizeipräsidiums. Die Mädchen und Jungen seien jetzt sensibilisiert, nicht selten gingen die Hinweise kurz nach Präventionsveranstaltungen an Schulen ein - so wie in Friedersdorf (Dahme-Spreewald). Dort soll der Fahrer eines Kleinbusses versucht haben, ein achtjähriges Mädchen zu entführen. Als sie sich lautstark wehrte und ihre elfjährige Begleiterin einen Stein in die Frontscheibe des Wagens warf, ergriff der Mann die Flucht, raste über eine rote Baustellen-Ampel und verursachte fast einen Unfall. Die Polizei sucht nach weiteren Zeugen. Sie glaubt den Erzählungen der Kinder, die Achtjährige hatte Blutergüsse an den Handgelenken, auch ein Stein wurde am Tatort sichergestellt. Solche konkreten Spuren sind allerdings die Ausnahme, die Beweislage ist dürftig. "Der Kleinbus soll gleichzeitig in verschiedenen Landkreisen gesichtet worden sein. Und immer am helllichten Tag. Wenn sich dann keine Zeugen melden, erscheinen manche Hinweise zumindest als zweifelhaft", sagt Anja Resmer. Ein Fall aus Petershagen-Eggersdorf (Märkisch-Oderland), wo sich eine Neunjährige vom Fahrer eines weißen Transporters bedroht fühlte, habe sich als falscher Alarm herausgestellt. Der Mann hatte am Bushäuschen gehalten, um zu telefonieren.

Glücklicherweise sei kein Kind tatsächlich Opfer einer Entführung geworden. Meldungen aus dem Norden Brandenburgs sind kaum eingegangen: Seit September wurden in den Landkreisen Prignitz, Ostprignitz-Ruppin und Oberhavel insgesamt drei Fälle gemeldet. Auch das SOS-Beratungszentrum in Wittenberge hat noch keine Anrufe besorgter Eltern registriert. Dennoch sei Aufklärung wichtig, so Diplom-Psychologe Hubertus Lehmann. "Die Täter wenden Tricks an: Sie behaupten, die Mutter habe einen Unfall gehabt oder fragen nach dem Weg zur Schule und bieten an, das Kind ein Stück mitzunehmen." Wenn ein Auto neben ihnen anhält, sollten die Mädchen und Jungen Abstand halten, weitergehen, nicht reagieren. Werden sie festgehalten, sollten sie so laut schreien, wie sie können, sich zur Wehr setzen, Hilfe suchen. In Falkensee (Havelland) gibt es das Projekt "Notinsel", das rund 40 Geschäfte als Zufluchtsorte in der Stadt ausweist.

Selbst in den Foren sozialer Netzwerke wird nun auf die Falschmeldung hingewiesen, damit sich solche Kettenbriefe nicht weiterverbreiten. Die Verunsicherung jedoch bleibt. So lernen die Grundschüler in Friedersdorf im Unterricht mit Rollenspielen, wie sie auf Kontaktversuche von Fremden reagieren sollen. Lehrer und Erzieher begleiten die Kinder vom Bus zur Schule und zum Hort. "Die Eltern sind besorgt, sie haben Angst, dass ihren Kindern auf dem Heimweg etwas zustoßen könnte. Wir sprechen mit den Schülern, ohne Panik zu verbreiten", betont die stellvertretende Direktorin Birgit Grandt. In Bad Freienwalde haben Mütter und Väter einen Abholservice organisiert. Die Polizei fährt verstärkt auf Schulwegen Streife.

Auch wenn Entführungsfälle medial große Wellen schlagen - das wahre Gefährdungspotential liegt woanders. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik gab es im vergangenen Jahr in Brandenburg 780 Fälle von Kindesmissbrauch oder -misshandlung, 75 Prozent der Täter stammen aus der Familie oder dem persönlichen Umfeld ihrer Opfer. Die Amadeu Antonio Stiftung warnt darüber hinaus in einer Broschüre vor rechtsextremen Argumentationsstrategien. Mit einer Kampagne gegen "Kinderschänder" werde die Betroffenheit der Bevölkerung ausgenutzt, um "autoritäre Vorstellungen von Strafe und Schutz der Gemeinschaft zu etablieren".

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