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Der Prignitzer

23. Oktober 2017 | 04:48 Uhr

Grüne Woche 2017 : Bauer findet Koch

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Agrargenossenschaft Pirow setzt beim Schwein auf Geschmack, findet regionalen Schlachter und heimische Restaurants.

von
erstellt am 19.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Schneller, höher, weiter. So umschreibt Uwe Kessler die Entwicklung in der Landwirtschaft. „Weg vom Kunden, hin zur Industrie. Der Geschmack bleibt dabei auf der Strecke. Das ist unser Problem“, sagt der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Pirow. Die Massentierhaltung und die damit verbundene schlechte Presse und das miese Image der Branche seien mit selbst verschuldet. „Ein Teil der Kritik daran ist berechtigt“, sagt er.

Er ist kein Ökolandwirt, besitzt kein Biosiegel und doch testet er seit einem Jahr einen anderen Weg. „Zusammen mit meinem Sohn Markus habe ich eine Direktvermarktung in der Region aufgebaut. Das war schwieriger als erwartet.“ Sie züchten das reinrassige Duroc-Schwein, welches auch in der Massentierhaltung eine gängige Rasse sei. „Unsere Schweine stehen nicht auf Beton, sondern auf Stroh. Sie haben mehr Platz, weil die Belegdichte geringer ist und ihren Ringelschwanz dürfen sie auch behalten“, zählt Uwe Kessler Besonderheiten auf.

Doch nicht nur die Art der Haltung ist eine andere. „Wir mästen die Schweine ein halbes Jahr lang, in der industriellen Produktion sind es nur drei Monate“, sagt er. Das Ergebnis sei eine bessere Fleischqualität und vor allem ein deutlich besserer Geschmack. Hinzu komme, dass Kesslers auch das Futter selbst zusammenstellen. „Wir verwenden kein Sojaschrot, sondern vor allem Raps aus der Prignitz und eigenes Getreide.“

Inspiriert von diversen Fernsehshows „Bauer sucht...“ boten Kesslers ihr Fleisch Prignitzer Gastronomen an. „Wir lassen die Tiere im Kletzker Traditionsbetrieb Hildebrandt schlachten und wunschgerecht zerlegen, auch zu Wurst verarbeiten. Damit können wir den Köchen eine komplett regionale Vermarktung anbieten“, sagt Uwe Kessler.

Natürlich sei das Fleisch teuerer, weil auch die Zucht kostenintensiver sei. Nicht jeden angesprochenen Gastronomen konnten sie überzeugen, aber mit Gasthof Dahse in Glövzin und der Ölmühle in Wittenberge fanden sie zwei Abnehmer.

„Seit Jahren bin ich ein Verfechter von Regionalität. Das ist unsere Chance“, sagt Jan Lange, Gesellschafter der Genesis GmbH, die das Restaurant Ölmühle betreibt. Der Gast frage gezielt und immer häufiger nach regionalen Produkten. „Das verstehen wir als einen klaren Auftrag und die Fleischqualität aus Pirow hat uns überzeugt“, sagt Lange. In Kombination mit selbst gebrautem Bier lassen sich leckere Gerichte fertigen. „Auf der Grünen Woche sind wir mit unserem Restaurant vertreten und werden dort erstmals unsere Bierbratwurst exklusiv anbieten“, so Lange.

Neben dem Fleisch beziehen sie noch Honig, Rapsöl und Kartoffeln aus der Prignitz, arbeiten mit einem Wittenberger Bäcker zusammen. Das Sortiment würde Jan Lange gerne vergrößern. Er denkt an Wild, Gemüse, Marmelade und Käse. Neben der Qualität müsse aber auch die Kontinuität gesichert sein. Das sei für Kleinproduzenten schwierig.

Uwe Kessler denkt in die gleiche Richtung. Rindfleisch und Milchprodukte kann er sich vorstellen. „Das kann Trinkmilch sei, aber auch eine Käseproduktion.“ Während in den alten Bundesländern fast jeder Landwirt auch einen Hofladen betreibt, habe sich dieses Prinzip hier bisher nicht durchsetzen können. „Dafür haben wir zu viele Großbetriebe“, erklärt Kessler. Aber diesem industriellen Trend mag er nicht länger hinterher laufen. „Ganz ohne geht es aber für uns noch nicht.“ Bis zu 8000 Mastschweine zieht der Betrieb im Jahr auf. Dagegen steht aktuell ein Schwein pro Woche in der Direktvermarktung. „Wenn wir von der Industrie weg wollen, uns wieder mehr Geschmack wünschen, müssen wir alle umdenken. Wir Landwirte und der Kunde, denn er muss am Ende mehr für das Fleisch bezahlen.“

 

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