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Naturschutz : Balanceakt zwischen den Interessen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Interview mit Dr. Sven Rannow, Leiter der Biosphärenreservats-Verwaltung in Rühstädt, zu aktuellen Naturschutzprojekten

von
erstellt am 16.Mai.2015 | 12:00 Uhr

Es sind sperrige Worte wie FFH-Management oder inhaltlich schwer fassbare Begriffe wie Natura 2000 die Anwohner in bestimmten Prignitzer Regionen wie Gadow beunruhigen. Dahinter verbergen sich europäische und nationale Naturschutzziele sowie Maßnahmen, wie diese erreicht werden können.

Federführend innerhalb des Biosphärenreservats ist dessen Verwaltung in Rühstädt dafür zuständig. Mit dem Leiter Dr. Sven Rannow sprach Redakteur Hanno Taufenbach über den aktuellen Stand des Projektes und über Befürchtungen mancher Prignitzer.

Dr. Rannow, wir schreiben das Jahr 2015 und sprechen von Natura 2000. Was verbirgt sich hinter diesem Projekt, das offensichtlich schon zur Jahrtausendwende aufgelegt wurde?

Dr. Sven Rannow: Es sind zwei europäische Naturschutzrichtlinien. Die Vogelschutz-Richtlinie aus dem Jahr 1979 und die FFH-Richtlinie aus dem Jahr 1992. Sie bilden die Grundlage für ein europäisches Netz aus Schutzgebieten. Es schützt Arten und Lebensräume die europaweit bedroht sind.

Und solche Gebiete gibt es auch in der Prignitz?

Ja, und zwar exakt 32 innerhalb des Biosphärenreservats. Zum Beispiel das Rambower Moor. Im gesamten Kreis gibt es noch mehr.

Was genau ist das Ziel in diesen Gebieten?

Wir müssen sie schützen und laut dem bundesdeutschen Naturschutzgesetz dürfen die Lebensräume nicht aktiv zerstört oder in ihrem Zustand verschlechtert werden. Die Naturschutzverwaltung ist darüber hinaus verpflichtet, die Situation der Lebensräume durch geeignete Maßnahmen und Programme zu verbessern.“

Was ist Ihre aktuelle Aufgabe?

Das Erstellen von Naturschutz-Fachplänen, sogenannten Managementplänen. Sie legen fest, was Naturschutzbehörden machen sollen.

Spätestens jetzt werden Befürchtungen laut, dass dies Einschränkungen und Verbote mit sich bringt. Ist das richtig?

Es geht nicht um Verbote, sondern um eine Angebotsplanung. Die Pläne enthalten aber auch Vorschläge für freiwillige Einschränkungen, deren Umsetzbarkeit in einem Beteiligungsverfahren geprüft wird.

Aber der Schutzstatus dieser Gebiete soll doch sicher erhöht werden?

Auch das stimmt so nicht. Es geht nicht um neue Schutzgebietsverordnungen. Wir erheben einen Bestand, bewerten diesen und leiten daraus mögliche Maßnahmen ab. Wir geben Handlungsempfehlungen.

Dann haben das die Einwohner Gadows falsch verstanden, denn vor allem sie warfen Ihnen teils irrsinnige Pläne vor und gründeten sogar eine Bürgerinitiative.

In Gadow wurde der Entwurf des FFH-Managementplans stark kritisiert. Er hat mehr als 100 Seiten, da sind Missverständnisse nicht ungewöhnlich. Natürlich schleichen sich auch Fehler ein und es gibt Gegenstimmen. Wir haben durch Gespräche und eine Bürgerversammlung vor Ort viele Fragen und Missverständnisse klären können. Für die weitere Arbeit haben wir mit den Anwohnern zwei lokale Arbeitsgruppen gebildet.

Ein Kritikpunkt betraf das Ziel, den Wasserstand der Löcknitz anzuheben. Dann würden Keller unter Wasser stehen, so die Befürchtung alter Gadower. Was haben Sie vor?

Vorschlag: Der Plan macht Vorschläge zum Wasserrückhalt im Wald. Er beschäftigt sich nicht mit dem Wasserstand in der Löcknitz. Die Teiche und Wasserflächen in Gadow verschlammen langsam. Um die Gewässer zu renaturieren empfiehlt der Plan verschiedene Alternativen. Ein Teil dieser Vorschläge kam übrigens von den zuständigen Revierförstern. Wir müssen jetzt prüfen, was sinnvoll ist. Die Keller der Gadower sind dabei ein wichtiger Punkt, der zu beachten ist.

Ein anderer Vorwurf betraf die Douglasien. Es gibt die Befürchtung, dass sie den ältesten Douglasienbestand Europas abholzen wollen. Was sagen Sie dazu?

Wir wollen sie nicht generell entfernen, sondern erhalten, vor allem in den größeren, zusammenhängenden Beständen. Aber auf bestimmten Flächen, wo Douglasien nur einen geringen Anteil des Baumbestandes ausmachen, wollen wir sie reduzieren.

Bleibt die Frage nach der geplanten Kernzone in Gadow. Was verbirgt sich dahinter?

In der Kernzone soll sich die Natur möglichst unbeeinflusst entwickeln. 411 Hektar sind Naturschutzgebiet, 34 Prozent davon sollen Kernzone werden. Nach geeigneten Flächen suchen wir gemeinsam mit der Stiftung Wälder für Morgen, die etwa 80 Prozent der Flächen in Gadow besitzt.

Zum Beispiel wofür?

Auf Gadow bezogen wünschen wir uns eine behutsame Wiederherstellung der gartendenkmalgeschützten Parkanlage. Wir planen Maßnahmen im Gutspark, wollen einen Weg zum Mausoleum herrichten, so dass das Gebiet für Besucher attraktiver wird. Dabei sind aber noch viele Fragen zu klären, z. B. wie man den Schutz der Besucher vor herabfallenden Ästen in einem Park voller großer alter Bäumen löst.

Haben Sie Partner für diese Ziele?

Wir arbeiten unter anderem mit Anwohnern, mit dem Denkmalschutz, dem Betreiber des Schlosses und mit dem früheren Oberförster Holger Galonska zusammen.

Ihre Antworten widerlegen die Befürchtungen der Bürgerinitiative, aber halten Sie sich nicht eine Hintertür offen, um am Ende doch noch unpopuläre Maßnahmen im Namen des Naturschutzes umzusetzen?

Nein, aber Naturschutz kann nicht nur mit populären Maßnahmen umgesetzt werden. Es gibt dabei immer unterschiedliche Interessen und auch Konflikte. In Gadow haben wir gute Kompromisse mit der Bürgerinitiative gefunden. Diese werden in die Endversion des Managementplans eingearbeitet. Danach geht die Arbeit aber erst richtig los.

Sprechen Sie überall mit Anwohnern so intensiv wie in Gadow über Natura 2000?

In allen 31 FFH-Gebieten im Biosphärenreservat stellen wir die Pläne den Eigentümern vor. Das ist beispielsweise bereits für den Perleberger Schießplatz, die Lennewitzer Eichen oder den Stavenower Wald geschehen.

Danke für das Gespräch.

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