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War alles anders? : Badeunfall Perleberg - jetzt redet die Familie

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Heute geht die Familie zur Beerdigung des 26-Jährigen, der vor knapp zwei Wochen im Badesee in Hennings Hof in Perleberg ertrunken ist. "Wir wollen nichts weiter als Ehrlichkeit und Gerechtigkeit."

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erstellt am 18.Jul.2013 | 06:38 Uhr

perleberg | Heute geht die Familie zur Beerdigung des 26-Jährigen, der vor knapp zwei Wochen im Badesee des Sport- und Vital-Resorts Neuer Hennings Hof in Perleberg ertrunken ist. Unmittelbar davor redeten sich die Angehörigen gegenüber des "Prignitzers" all das von der Seele, was sie neben ihrer Trauer über den Tod des Mannes belastet: Sie ärgern sich über den Ablauf der Suchaktion und die Bergung und über die Behandlung durch Rettungskräfte und Hotel-Team.

Ihre Sicht der Dinge stellt vieles von dem auf den Kopf, was Einsatzkräfte und Hotelleitung bislang zum Hergang berichtet haben. Erschüttert sind sie vor allem von Äußerungen des Eigentümers Uwe Dinnebier und des Managers Christian Langer, die beide in einem kurz nach dem Unglück von ihnen anberaumten Pressegespräch gemacht hatten. "Der Prignitzer" berichtete.

Gut ein Dutzend Familienmitglieder war an dem Sonnabend zum Baden aufgebrochen. Mit entsprechend vielen Augenzeugen wartet diese Familie also auf. Und sie sind sich in ihren Beobachtungen und Einschätzungen sehr einig.

Ihre Darstellung: An jenem Sonnabend holte die Älteste in der Runde, eine gute Freundin, sicherheitshalber an der Rezeption das Okay ein, an dem Hotelstrand baden zu dürfen. Anders als spekuliert worden ist, sei Fred, so heißt der Tote, ein guter Schwimmer gewesen, ausgewiesen durch das Gold-Abzeichen. Ihnen gellten noch immer die Hilfeschreie des Ertrinkenden in den Ohren. Außerdem habe er wild gewunken, um auf seine Notlage aufmerksam zu machen.

Martin, so heißt der Schwager von Fred, bleibt bei seiner Aussage, dass es sich um Schlingpflanzen gehandelt haben muss. "Je mehr ich geschwommen bin, desto stärker habe ich mich darin verfangen", schildert er seinen Eindruck. Schließlich blieb auch er darin hängen, als er Fred zu Hilfe eilen wollte. Er konnte sich an ein mit zwei Frauen besetztes Schlauchboot klammern, erzählt er. Zudem seien Ruderer angekommen. Über den Bootsrand habe er sich gezogen.

Als die Feuerwehr eintraf, habe die auf der verunkrauteten Seite die Suche begonnen und dafür die Angehörigen davon geschickt. Den Strand hätten Hotel-Angestellte geräumt - und auch dabei wieder die Angehörigen gleich mit des Platzes verwiesen. Dabei hatten die Familienmitglieder nur eines im Kopf: Ja nicht die Untergangsstelle aus dem Auge verlieren. So wie Maria, Freds Lebensgefährtin. "Hören Sie mir zu, ich kann Ihnen die Stelle zeigen, wo er untergegangen ist", ruft sie den Rettern zu. Laut werden musste sie, erinnert sie sich, und betonen, dass sie als Augenzeugin eine wertvolle Hilfe sein könne. Doch im Laufe der Tage sei sie wie gleich mehrmals von Rettern und Angestellten der Anlage weggewiesen worden. Als ihr in der prallen Sonne ein mitfühlender Hotelgast seine Liege anbot, hätten Mitarbeiter sie ermahnt, den Platz später beim Weggehen ordentlich aufzuräumen. Brötchen und Kaffee gab es - so berichtet die Familie - nur für die Retter, für die Angehörigen nur harsche Worte.

Geradezu abenteuerlich klingt, was Maria über ihre Begegnung mit dem Notfall-Seelsorger erzählt. Als er von der bislang vergeblich verlaufenen Suche nach ihrem Lebensgefährten hörte, erzählte er ihr, dass sein Sohn in einem Fluss ebenfalls ertrunken und lange Zeit nicht gefunden worden sei. Als er auch noch in Tränen ausgebrochen sei, habe sie ihm Taschentücher besorgen und ihn trösten müssen. Eigentlich, so sagt sie, hätte sie Beistand gebraucht.

Wie berichtet, war die Suche am Sonnabend ergebnislos abgebrochen worden. Auch die Besatzung eines eingesetzten Rettungshubschrauber hatte ihn nicht entdecken können.

Sonntag früh versammeln sie sich um 7.30 Uhr wieder an der Unglücksstelle. Gegen 9 Uhr kommt die Polizei. An dem Morgen sehen Angehörige Fred tief unter Wasser liegen. Sie machen mit ihren Handys Fotos und zeigen die der Polizei. Die fordert Taucher an. Unklar ist der Familie, wann und woher die kommen werden. Sie sorgen sich, dass sie womöglich sogar bis in den Montag warten müssten. Um 14 Uhr sind Taucher zur Stelle und bergen den Leichnam. Da sehen sie, wie er und die Rettungskräfte von den Pflanzen umwickelt sind. "Von wegen Pflanzenreste, die zwischen den Händen zerfallen", spottet Martin über die Äußerungen der Hotelmanager, die sie in ihrem Pressegespräch gemacht hatten.

Von dort kein Wort. Bis heute seien weder Dinnebier noch Langer - entgegen ihrer Aussage in ihrem Pressegespräch - auf die Familie zugegangen, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Ganz im Gegenteil: Als Maria mit einem Gesteck bei Christian Langer vorsprach, ob sie das auf der zugewachsenen Seite des Sees platzieren dürfe, habe er erstmals kurz sein Beileid ausgedrückt, um gleich zu fragen, wie lange es dort denn stehen solle. Es dürfe daraus kein "Wallfahrtsort" werden, zitiert Maria Christian Langer. Die Eigentümer des Neuen Hennings Hofs wollten gestern keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgeben und verwiesen auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Iris Litzenberg, Freds Mutter, bringt das Ziel des Gesprächs mit dem "Prignitzer" auf den Punkt: "Wir wollen nichts weiter als Ehrlichkeit und Gerechtigkeit."

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