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Diplomatischer Salon in Wittenberge : Autobahnbau im Rekordtempo

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Was Deutschland vom Kosovo lernen kann und warum es dort den Euro gibt: Botschafter Skender Xhakaliu war zu Gast in der Elbestadt.

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erstellt am 25.Apr.2017 | 21:00 Uhr

Die einen wollen raus, die anderen rein. Der Kosovo zählt zu den letzteren und sein deutscher Botschafter Skender Xhakaliu betonte bei seinem Besuch in Wittenberge mehrfach die pro europäische Haltung seines Landes: „99 Prozent unserer Menschen denken europäisch, möchten eine Mitgliedschaft in der EU“, sagte er. Skender Xhakaliu kam auf Einladung unserer Zeitung und der Hoeck-Stiftung in die Alte Ölmühle.

Der seit 2008 unabhängige und damit jüngste Staat Europas zählt knapp 1,8 Millionen Einwohner – so viel wie Hamburg. Sein Haushaltsbudget umfasst zwei Milliarden Euro – knapp die Hälfte der Kosten des noch immer im Bau befindlichen Berliner Flughafens. So winzig und scheinbar unbedeutend das Land sein mag, seine Erfolge stellte Skender Xhakaliu stolz vor.

Der erste eigene Autobahnbau in europäischem Standard war nach 18 Monaten fertig. Die 130 Kilometer lange Trasse ist etwas länger als die A 14 von Magdeburg bis zum Dreieck Schwerin. Doch der wesentliche Unterschied: Die Planungen für die A 14 begannen 1995, der erste 5,7 Kilometer lange Abschnitt wurde 2014 übergeben. 30 Jahren werden wohl bis zur vollständigen Fertigstellung vergehen. Schon im nächsten Jahr will Kosovo seine zweite, 100 Kilometer lange Trasse für den Verkehr frei geben.

Es waren nicht die einzigen Aussagen des Botschafters, die die rund 50 Gäste verwunderten. Den Latte Macchiato für einen Euro, das Brot für 50, die Milch für 60 Cent. „Mit dem monatlichen Durchschnittseinkommen von 450 Euro kann eine dreiköpfige Familie gut leben. Selbst eine Miete sei mit 150 bis 200 Euro bei zwei Verdienern kein Problem. „Die Mehrheit besitzt aber ein Haus oder eine Wohnung.“

Kostenlose Kitas und Schulen, eine kostenlose Gesundheitsversorgung und eine staatliche Rente zwischen 80 und 150 Euro zeigen, wie wichtig dem Land die soziale Sicherheit seiner Menschen sei. All das müsse aus dem laufenden Haushalt bestritten werden. „Eine Rentenkasse wie in Deutschland konnte unser junges Land noch gar nicht aufbauen“, sagte Skender Xhakaliu.

120 Schulen seien seit 2008 gebaut worden. Es gibt deutschsprachige Gymnasien und an der Universität einen Fachbereich Germanistik. Die Verbindung zu Deutschland gründet sich auf Gastarbeiter, die in den 60er Jahren in die BRD kamen. Skender Xhakaliu selbst ist das Kind einer Gastarbeiterfamilie, verrät er dem Moderator Benjamin Lassiwe.

Fast überall im Kosovo werde Deutsch gesprochen, Kinder lernen es nicht selten durch deutsche Fernsehsender, verrät der Botschafter und lädt zu Reisen in seine Heimat ein.

An einen Geldwechsel müssen die Touristen dabei nicht denken. Im Kosovo gibt es den Euro, wie zuvor schon die D-Mark. „Ein Sonderfall, da wir kein Mitglied der Währungsunion sind“, räumt Skender Xhakaliu ein. Nach dem Ende des Kosovo-Krieges 1999 gab es weder eine eigene Landeswährung noch eine Nationalbank. Da die D-Mark als Parallelwährung etabliert war, wurde sie mit Zustimmung der UNO-Verwaltung offiziell zugelassen.

All das klingt wie eine einzige Erfolgsgeschichte, aber das ist nicht die ganze Wahrheit, so Skender Xhakaliu. Die Wirtschaft sei schwach. Abgesehen vom lieblichen Rotwein Amselfelder gebe es kaum Exporte und nur wenige Investitionen im Land. Die hohe Arbeitslosigkeit vor allem unter Jugendlichen sei ein ernstes Problem. Innenpolitisch seien dies die größten Herausforderungen.

Außenpolitisch hat es der Kosovo nicht viel leichter. Längst haben nicht alle Länder die Unabhängigkeit anerkannt, nicht einmal die EU-Staaten haben dazu eine geschlossene Haltung. Das zeigt, wie weit der Weg bis zu einer Mitgliedschaft sein kann.

Und während es mit den Nachbarn Albanien sowie Montenegro eine gute Zusammenarbeit gebe, die Grenze zu Albanien beidseitig anerkannt ist, verharren die Beziehungen zu Serbien im frostigen Bereich. Aber all das kann die Zuversicht Skender Xhakalius nicht erschüttern: „Wir glauben an Europa und an die europäischen Werte.“

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