Autisten: Mehr als nur Hilfeempfänger

<strong>Schwingen gemeinsam</strong> die Pinsel: Schüler der 6c der Jahngrundschule mit Christin (rechts), eine der acht Bewohner in der Seefelder CJD-Wohnstätte. <foto>Susann Matschewski</foto>
Schwingen gemeinsam die Pinsel: Schüler der 6c der Jahngrundschule mit Christin (rechts), eine der acht Bewohner in der Seefelder CJD-Wohnstätte. Susann Matschewski

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12. Juni 2012, 07:47 Uhr

Seefeld | "Richtig cool" finden Lisa und Sina ihren Besuch beim CJD Prignitz in Seefeld (Stadt Pritzwalk). Die beiden Schülerinnen der Pritzwalker Friedrich-Ludwig-Jahn-Grundschule sind gemeinsam mit acht Mitschülern zu Gast in der Wohnstätte für Menschen mit autistischer Störung. Der Besuch ist der zweite Teil des Projekts "Wer oder was ist schon normal? / Kreative Begegnung", das das CJD Prignitz in Kooperation mit der Grundschule ins Leben gerufen hat.

Mit der Inklusion behinderter und nicht behinderter Menschen soll vor allem eines erreicht werden: Aufklärung. "Wir wollen die Kinder nicht nur für das Thema sensibilisieren und Vorurteile abbauen, sondern auch dazu beitragen, dass sie die Autisten als vollwertige Menschen anerkennen und sie nicht nur als Hilfeempfänger wahrnehmen. Sie haben nämlich auch eine ganze Menge zu bieten", umreißt Wohngruppenleiter Patrick Blumenthal das Anliegen des Pilotprojekts, das von der Aktion Mensch finanziert wird.

Der Nachmittag in Seefeld zeigt dann, wie kreativ so eine Inklusion in der Realität aussehen kann: Schüler und Bewohner bauen gemeinsam an einem Wasserspiel, das einen Tag später mit einem gemeinsamen Fest eingeweiht wird. Dazu schaufeln sie mit einem Spaten einen Graben, der dann mit Wasser gefüllt wird, dazu malen sie ein Windspiel und ein Metallgerüst kunterbunt an. "Das Wasser als verbindendes Element hat dabei eine große Symbolkraft. Denn das ist ja auch unser Anliegen: Verbindungen schaffen, die über die Grenzen hinausgehen, so dass diese Grenzen automatisch verschwinden", erläutert Patrick Blumenthal die Idee hinter dem Kunstwerk. Auch das Windspiel, das vom Graben umringt wird, repräsentiert das Gemeinschaftsgefühl: "Der Wind erzeugt Klänge, und Klang ist ja ebenso ein verbindendes Element", so der Heimleiter.

Bevor die Grundschüler die Wohngruppe besuchen, waren die CJD-Mitarbeiter bei ihnen zu Gast. Dort lernten die Schüler, was es bedeutet, mit einer Behinderung zu leben. In Selbstexperimenten konnten sie testen, wie es sich anfühlt, blind oder taub zu sein, eine geistige Behinderung zu haben oder auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. So brachten sie schon Wissen und Erfahrung mit, was ihnen den Umgang mit Heimbewohnern erleichterte.

Dass die Theorie des Wasserspiels auch in der Praxis funktioniert, zeigt der Nachmittag beim CJD. Von Berührungsängsten oder gar Vorurteilen ist bei den Sechstklässlern nichts zu spüren. Im Gegenteil: Nicht nur zu Spaten, Pinsel und Farbtopf greifen die Jungen und Mädchen gemeinsam mit den Bewohnern, sondern auch zum runden Leder: Nach getaner Arbeit spielen alle gemeinsam Fußball.

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