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Von Hamburg in die Prignitz : Aus Großstädtern werden Wittenberger

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Familie Rieß kehrt Hamburg den Rücken, rettet im Jahnschul-Viertel ein Haus und macht es zu ihrem neuen Heim

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 16:10 Uhr

Familie Rieß ist von Hamburg nach Wittenberge gesiedelt. Vor neun Monaten, als der „Prignitzer“ Gabriele und Martin Rieß mit ihren drei Söhnen und ihrem Töchterchen das erste Mal traf, war das noch ein Wunsch. Im August haben Rieß’ens sich ihren Wunsch erfüllt und sind nach wie vor davon überzeugt, genau das Richtige getan zu haben. Der „Prignitzer“ fragte bei Rieß’ens nach: „Wie fühlt man sich als Großstädter im kleinen Wittenberge?“ Alle sechs beteuern: „Gut.“ „Hier haben wir Platz. Von so viel Raum habe ich in Hamburg nur geträumt. Unser Haus war nach der Geburt der Zwillinge einfach zu klein geworden“, sagt Gabriele Rieß. Ich habe die sympathische junge Frau und ihren Gatten Martin im März kennen gelernt. Mit den beiden Söhnen Luca (10), Mika (8) sowie den Zwillingen Louisa (4) und Jonathan (4) war das Paar zu Besuch in Wittenberge. Es war eine Reihe von Dingen zu erledigen. Familie Rieß war dabei, ihren Lebensmittelpunkt zu verlegen. Aus dem großstädtischen Hamburg sollte es ins ruhige und mittlerweile ziemlich betuliche Wittenberge gehen. Das passende Haus dafür war mit Hilfe des Stadtbauamtes gefunden. Umbau und Sanierung konnten beginnen.

Als ich jetzt Familie Rieß wieder treffe, sagen beide unisono: „Es war die richtige Entscheidung.“ In Wittenberge hat sich die Familie einen Wohntraum erfüllen können, wie es in Hamburg wohl kaum möglich gewesen wäre. In der Johannes-Runge-Straße haben Gabriele und Martin Rieß ein Haus aus der Gründerzeit erworben. „Wir konnten es auf drei Etagen individuell nach unseren Wünschen herrichten und gestalten“, sagt Gabriele Rieß.

Wir sitzen im Erdgeschoss in einem riesigen Raum. Martin Rieß lächelt: „Das war mal eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Wir haben aus allen Räumen einen gemacht.“ Entstanden ist ein großes Wohnzimmer, das in einen komfortablen Küchenbereich übergeht und auch noch genügend Platz bietet, auf dem die Kinder sich entfalten können. In den beiden Geschossen darüber hat die Familie die Raumstruktur der ursprünglich separaten Wohnungen erhalten. „Jeder von uns hat ein eigenes Zimmer bekommen. Das war uns wichtig“, betonen Gabriele und Martin Rieß.

Während die Fassade zur Johannes-Runge-Straße hin in ihrer alten Schönheit wieder erstand, haben die neuen Bewohner nach hinten ’raus Teile der ehemaligen Wand durch eine riesige gläserne Türfront ersetzt, die auf eine Terrasse führt. Licht durchflutet den Wohnraum mit Küche.

Der Familie kommt zu gute, was eigentlich ein Wittenberger Problem ist: nicht mehr geschlossene Häuserfronten im Sanierungsgebiet Jahnschul-Viertel, weil Gebäude abgerissen werden mussten. Familie Rieß hat durch solch einen Abriss jetzt einen freien Blick in die nächste Straße und konnte das gesamte Grundstück bis dorthin erwerben. „Und wenn das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite eines Tages auch noch saniert ist, haben wir einen ganz tollen Blick“, sagt Martin Rieß. Er und seine Frau könnten Wittenberge als ruhigen Wohnort in der Nähe von zwei gut erreichbaren Metropolen nur empfehlen, sagt er. Ich frage nach, will wissen, wie das beispielsweise mit dem Einkaufen funktioniert. „Gar nicht so schlecht“, sagt Gabriele. Der Weg zu den Supermärkten, selbst zu denen am Stadtrand, sei auch nicht weiter als der in Hamburg. Dass Wittenberge und Hamburg nicht zu vergleichen sind, wenn es ums Shoppen geht, das habe man ja vorher gewusst. Verschmitzt lächelnd fügt sie dann noch an: „Außerdem liefert Amazon ja auch nach Wittenberge.“

Und wie klappt es beruflich?

Gabriele Rieß kümmert sich um die Kinder und organisiert den Haushalt. „Ich bin gut ausgelastet“, sagt die Mutter und Hausfrau. Dass sie trotzdem in den nächsten Wochen und Monaten gern den einen oder anderen neuen Kontakt knüpfen würde, stehe dem ja nicht entgegen. Vielleicht funktioniert es ja über Eltern in der Jahnschule, die ihre Jungs besuchen, oder über Muttis und Vatis im Montessori-Kindergarten der Kleinen.

Martin Rieß ist im Online-Marketing tätig, ist beruflich in Hamburg wie Berlin unterwegs. „Dort habe ich das großstädtische Leben, hier genieße ich die Ruhe, freue mich, dass unsere Kinder fernab von Lärm und Hektik und bestimmt auch sicherer als in der Großstadt aufwachsen können.“ Dass der ICE-Halt in Wittenberge für ihn aus Berufsgründen enorm wichtig ist, daraus macht der Marketingprofi keinen Hehl. Ihn wundere allerdings, dass die Wittenberger damit nicht viel mehr nach außen werben. „Das ist doch ein enorm wichtiger Standortfaktor, wenn man als Stadt so zwischen den Metropolen liegt.“ Ihn wundere sowieso etwas, „dass die Wittenberger nicht mit viel mehr Stolz von ihrer Stadt sprechen. So wie wir Wittenberge bisher kennengelernt haben, ist die Stadt es wert.“

Das Haus, in dem sich die sechsköpfige Familie ein neues Zuhaus geschaffen hat – sie loben übrigens ihre Architektin Jeannine Meierholz und die Prignitzer Handwerker sehr – hatte über Jahre leergestanden. Das Interesse der Hamburger war quasi seine Rettung. Häuser, die auf Rettung warten, gibt es in der Stadt noch einige. Und wer sich wie Familie Rieß für ein Domizil im Sanierungsgebiet entschließt, der kann auch noch auf fördernde Unterstützung hoffen. Die Kommune hat das Engagement der neuen Eigentümer in der Johannes-Runge-Straße mit Fördergeld aus dem Stadtumbauprogramm unterstützt. Bürgermeister Dr. Oliver Hermann hatte bei der Begrüßung der Neu-Wittenberger vor neun Monaten ausdrücklich gesagt, die Stadt freue sich über Nachahmer.  

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