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Historische Kanonen : Aus Freude am großen Böllern

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Auf einer Wiese bei Eldenburg bringen Männer Kanonen in Stellung - Sie pflegen ein ganz besonderes Hobby

von
erstellt am 27.Okt.2015 | 12:00 Uhr

„Wir sind wohl alle ein bisschen verrückt“, sagt der Eldenburger Urban Britzius. Wir, das sind die Männer, die sich an diesem frühen Morgen beim Eldenburger Sportplatz treffen, um ihr zugegeben sehr spezielles Hobby zu pflegen. Sie alle besitzen im Verein oder auch privat Kanonen, oder richtiger gesagt Böller. Und davon gebe es drei Arten, erklären die Männer: Handböller, die auf den allerersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit Gewehren oder Pistolen haben. Der, den Britzius gerade lädt, wiegt zehn Kilo. Der Rückstoß beim Abfeuern ist entsprechend. Dann die Standböller. Torsten Rothkegel bringt den der Lenzener Gilde in Positur. Als Laie wundert man sich, das Teil sieht wie ein aufrecht stehendes schwarzes Rohr von etwa 40 Zentimeter Länge aus. Rothkegel lächelt bei diesen Worten und erklärt, „der Böller funktioniert eigentlich nicht anders, als die Kanonen, nur dass das Rohr nicht auf einer Lafette liegt“. Die Hingucker an diesem Tag sind aber ohne Zweifel die Kanonen. „Wir schießen nicht mit Kugeln, sondern mit Pulver. Unsere Kanonen sind Böller“, erklärt Urban Britzius. Und er sagt auch: „So eine Kanone kann sich jeder kaufen. Der Böller ist keine Waffe. Dazu wird er erst, wenn er mit Pulver geladen ist.“ Wer böllern will, muss zuvor einen Sachkundenachweis erworben haben. Die Männer, die an diesem noch kalten, aber sonnigen Morgen ihre Kanonen in Positur bringen, dürfen und wollen alle böllern. Dazu sind sie extra aus Barleben, Eldena, Grabow, Kyritz, Lenzen, Wilsnack, Wittenberge und natürlich Eldenburg selbst gekommen. Die Eldenburger gehören zu keinem Schützenverein. Stolz nennen sie sich VDSK-Böllercorps Quitzow zu Eldenburg. VDSK heißt Verband Deutscher Schwarzpulver Kanoniere. In dem sind die Eldenburger organisiert. Denn auch wenn ihre Freizeitbeschäftigung „völlig sinnlos, aber geil ist“, wie Britzius augenzwinkernd sagt, Ordnung müsse sein.

Ordnung herrscht mittlerweile auch auf der Wiese. Zehn Kanonen stehen in Reih und Glied. Die Rohre sind in Richtung Wald gerichtet. Kanonenkugeln werden nicht fliegen. Die Kanoniere laden die Böller mit Pulver. Die Portionen sind genau abgewogen und in Alufolie verpackt. 500 Gramm Schwarzpulver verschwinden im Rohr der „Anna von Quitzow“. Diese Kanone ist die größte auf dem „Schlachtfeld“, gehört zum Eldenburger Böllercorps. „Wenn ich sie transportieren will, geht’s nicht ohne Spezialanhänger“, sagt Britzius. Ganz anders die Kanone, die Bodo Pöhls von der Perleberger Schützengilde dabei hat. Sie ist im Vergleich mit der „Anna von Quitzow“ ein Leichtgewicht. „Ich kann sie im Kofferraum transportieren“, sagt Pöhls. Ganze 15 Gramm Pulver reichen für einen Böllerschuss. Auch die Perleberger Kanone trägt traditionell einen Frauennamen. Sie heißt Luise. Anders als die meisten ist die Perleberger Kanone kein Neubau, sondern ein historisches Stück. „Unsere Gilde hat sie 1830 angeschafft“, weiß Pöhls. Irgendwann gelangte sie mit einer zweiten Kanone ins Perleberger Museum. „Wir haben ,Luise’ als Dauerleihgabe zurück erhalten und aufgearbeitet“, sagt Pöhls noch. Dann muss er wieder zu seiner Kanone, sie laden. Mittlerweile ist es 10 Uhr. Das große Böller beginnt. Die ersten Ladungen zünden. Dumpfes Grollen, viel weißer Rauch. Die Kanoniere sind zufrieden.  

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