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1. Weltkrieg : Aus dem Tagebuch eines Gefallenen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Teil VII unserer Serie über die Aufzeichnungen zweier Pfarrer in Kletzke

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Zwei Kletzker Pfarrer haben in Kirchenbüchern die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 festgehalten, berichten von Opfern und der Stimmung in den Dörfern. Unser Autor Dr. Alfred Schwandt hat die Geschehnisse zusammengefasst.

Heute Teil VII.


10. März 1917 Wieder haben wir in Kunow einen Kämpfer fürs Vaterland betrauern müssen und in geweihte Erde gesenkt. Nach monatelangem Schmerzenslager ist er in einem Lazarett gestorben und konnte in die Heimat überführt werden.

Er scheint ein braver Mensch und tapferer Soldat gewesen zu sein. In seinem Notizbuch findet sich der folgende Eintrag: „Am 25. November ging ich das erste Mal spazieren. Ganz allein ging ich hier in Gottes herrliche Natur hinaus. Ging zunächst auf den gegenüberliegenden Berg hinauf hinein in den Wald. Um hier in dieser schönen Gegend einmal wieder frische Luft einzuatmen. Hier im Wald war alles in eine furchtbare Stille gehüllt.

Nur der Wind bewegte die Äste und der Schnee träufelte von den düsteren Tannen silbern hernieder. Da wurde einem ganz einsam ums Herz zumute und gedachte noch einmal der vergangenen Tage.

Möge doch bald ein stiller Frieden einkehren so wie dieser Waldesfrieden. Diese Gedanken schwebten auf meinen Lippen. Wie konnte man sich des Lebens freuen, als dieser Weltenbrand noch nicht entzündet war. Aber jetzt erst weiß man, was dieses kleine Wort Frieden bedeutet…

Ich bin jetzt hier als Verwundeter im Lazarett und bin stolz darauf, dass ich auch für das Vaterland gestritten habe. Auf der Zigeunerinsel an der Save nicht weit von Belgrad wurde ich verwundet. Wenn mein Fuß, an dem ich verletzt bin, geheilt ist, werde ich auch noch einmal hinausziehen, mit Gottes Zuversicht hinein in den Kampf. Denn wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts.“

14. Juni 1917 Seitdem ich das letzte Mal das Buch aufgeschlagen habe, sind wieder zwei Söhne unserer Dörfer vor dem Feinde gefallen… Dass ich gerade heute wieder zur Feder greife, hat seinen Grund. Gestern und heute sind unsere größte und kleinste Glocke abgenommen und zertrümmert worden – dem Vaterlande zum Opfer gebracht. Es ist im Dorfe nur eine Stimme des Bedauerns, dass die Glocken haben hingegeben werden müssen. Unser Geläut war das schönste in der Gegend. Das Volk hängt an seinen Glocken und ein gut Teil des tief innerlichen Gemütes unseres Volkes kommt in der Anhänglichkeit an die Glocken zum Ausdruck. Man versteht es mit Recht nicht, warum nicht, zum Beispiel, die Brauereien erst ihre kupfernen Braukessel hergeben müssen, bevor die Glocken herausmüssen. Mit Recht fragt ein deutscher Pfarrerverein, „was ist besser, den Frieden einmal mit den Glocken einzuläuten oder mit Bier zu feiern?“ Das Braukapital ist leider in Deutschland eine ungeheure Macht, sonst würden die Braukessel in der Not des Vaterlandes nicht eine solche Schonung erfahren… Die Ernteaussichten sind nicht gut. Das Sommerkorn leidet sehr. Eine Missernte oder auch nur eine schlechte Ernte ist eine ungeheure Gefahr für uns. Gott wolle alles in Gnade zum Guten wenden. Wenn nur mehr gebetet würde.

 

 

Bisher erschienen:

• „Kletzker müssen an die Front“, 9. September, S. 12

• „Gerüchte über Spione und reiche Beute“, 13. September, S. 14

• „Gerüchte über Verwundetentransporte“, 18. September, S. 11

• „Wir wurden von den Bauern beschossen“, 26. September, S.12

• „Trauer in den Dörfern über die ersten Opfer“, 4. Oktober, S. 12

• „U-Boot-Krieg als Antwort aus Friedensablehnung“, 11. Oktober, S. 12


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