Jüdische Geschichte in Wittenberge : Auf den Spuren jüdischen Lebens

Im Clara-Zetkin-Park erzähltee Nathalie Thiemig (r.) von der Geschichte des ehemaligen jüdischen Friedhofs.
Im Clara-Zetkin-Park erzähltee Nathalie Thiemig (r.) von der Geschichte des ehemaligen jüdischen Friedhofs.

Schüler aus Münster informieren sich über Gedenkorte und das Leben jüdischer Familien in Wittenberge.

svz.de von
10. Juni 2018, 21:00 Uhr

Die Strapazen der Tour waren einigen anzusehen, dennoch wollen die 30 Schüler der „Erna de Vries“-Realschule aus Münster an ihrem „Ruhetag“ etwas über das frühere jüdisches Leben in Wittenberge erfahren. Treffpunkt war der Salomon-Herz-Platz, wo Florian Gerloff vom Marie-Curie-Gymnasium einiges über den Unternehmer erzählte, der die Ölmühle begründete, sich für die Elbschifffahrt und den Hafen Wittenberge einsetzte.

Viele jüdische Familie kamen mit dem industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Stadt und trugen diesen mit. Erst spät entstanden in der Stadt ein eigenes jüdisches Leben und eine jüdische Gemeinde.

Die Schüler aus Münster hören aufmerksam zu, jüdische Persönlichkeiten und ihr wechselvolles Schicksal in Deutschland und der Umgang mit ihrer Geschichte sind ihnen nicht fremd. Ihre Realschule trug bis vor wenigen Jahren den Namen des nazitreuen Dichters Karl Wagenfeld. Gleichzeitig war dort regelmäßig Erna de Vries zu Gast, die als Zeitzeugin über die Judenverfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus erzählte, über ihre Haft und Qualen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück.

Diese Erzählungen beeindruckten Lehrer und Schüler so sehr, dass sie sich für eine Umbenennung der Bildungsstätte stark machten. Sie wählten sich zugleich Erna de Vries als neue Namensgeberin.

Diese Entscheidung ordnete sich ein in viele anderen Aktivitäten wie der Friedensarbeit, die an die Geschichte von Münster und der Nachbarstadt Osnabrück anknüpfte. Doch die Schüler wollten es nicht bei Worten und Ehrungen belassen, sondern nahmen das Motto vieler Initiativen an ihrer Schule „Auf den Weg machen“ einmal wörtlich und starteten bereits 2016 eine erste Tour vom Münster zur Gedenkstätte Ravensbrück. Bereits damals wurden Kontakte zum Marie-Curie-Gymnasium in Wittenberge aufgenommen.

Die Teilnehmer der ersten Fahrt waren so begeistert, dass es in diesem Jahr die zweite Radtour „Gegen das Vergessen“ gibt, erzählte Lene Hülsmann. Jugendliche aus 9. und 10. Klassen starteten am 4. Juni und kamen nach Hitzeetappen und vielen Besichtigungsstationen am Freitagabend in Wittenberge an und übernachteten am Friedensteich.

Die Gymnasiastinnen Nathalie Thiemig und Miriam Kahlau erzählten in der Schiller- und der Bahnstraße an den Standorten von Stolpersteinen über die dort einst lebenden Familien Kaiser und Lewy und deren Bedeutung für die Stadtgeschichte. In den Vorträgen wurde auch auf die enge Verzahnung des Lebens vieler jüdischer Familien mit Berlin zum Teil auch mit Hamburg verwiesen, viele lebten nur für eine Reihe von Jahren oder einige Jahrzehnte in der Stadt.

Der Rundgang endete im Clara-Zetkin-Park, wo in den 1960er Jahren Reste des von den Nazis zerstörten jüdischen Friedhofs wiederhergerichtet wurden. Auch dazu gab es einen kleinen Vortrag. Dafür konnten die Schüler auch Materialien nutzen, die seit Jahren von Lehrern des Gymnasiums zusammengetragen und aufbereitet werden. Dabei kommen stückweise neue Details hervor, wie sie von Geschichtslehrerin Katrin Hinrichs präsentiert wurden. Insgesamt sei das Wissen um viele jüdische Familien noch zu gering, betonte sie. Aber es werde weiter geforscht. Daran könnte die kürzlich gegründete AG Geschichte mitwirken, sagte Geschichtslehrer Rafael Schreiber.

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