Prignitzer Archäologe im Sudan : Auf den Spuren der Meroiten

Die königlichen Pyramiden von Meroe im Sudan werden durch riesige Sanddünen bedroht, die den Stein förmlich abschleifen.
Foto:
1 von 3
Die königlichen Pyramiden von Meroe im Sudan werden durch riesige Sanddünen bedroht, die den Stein förmlich abschleifen.

Der Archäologe Pawel Wolf hat sein Leben der Forschung zur Menschheitsgeschichte auf dem afrikanischen Kontinent verschrieben

von
18. April 2017, 11:55 Uhr

„Eigentlich reicht ein Leben nicht aus, um dieses Projekt abzuschließen“, sagt der Archäologe Pawel Wolf. Doch davon lässt sich der 59-Jährige nicht entmutigen, seine Leidenschaft für diese Arbeit ist ungebrochen. Gerade ist er von einer mehrwöchigen Reise aus dem Sudan in seinen Wohnort nahe Pritzwalk zurückgekehrt.

In dem afrikanischen Land, dem er seit 1992 eng verbunden ist, forscht Wolf zur Geschichte der Meroiten. Genauer ist er Chef der Hamadab-Expedition. Diese Stadtsiedlung befindet sich östlich des Nils im Herzen des einstigen meroitischen Königreichs, drei Kilometer entfernt von der damaligen Hauptstadt Meroe. „Genauer sind wir gut 200 Kilometer nördlich der sudanesischen Hauptstadt Khartum“, so Wolf. Faszinierend an dieser Siedlung mitsamt ihren Häusern sei ihr exakt geplanter Grundriss. „Hier wird uns der Beweis erbracht, dass schon in der Zeit von 300 vor bis 350 nach Christus in dieser Region eine Siedlung nach einem genauen Muster angelegt worden ist. Es gibt eine Hauptstraße, an deren Ende der Tempel steht. Dazu finden sich Wohnbauten in den Seitenstraßen.

Es handelt sich um die erste Stadtsiedlung, die wir aus dieser Zeit im Niltal südlich Ägyptens vollständig topographisch erfasst haben.“ Das hört sich zwar final an, abgeschlossen ist das Projekt aber noch lange nicht. „Man bräuchte wohl um die 250 Jahre, um es tatsächlich beenden zu können.“ Denn Archäologie ist mehr als das bloße Ausgraben und Freilegen von alten Dingen. „Wir möchten das Leben der Menschen damals nachvollziehen können. Deswegen wird jeder Fund fotografiert und katalogisiert.“ Herausgefunden haben Pawel Wolfs Kollegen zum Beispiel, dass eine Getreidesorte namens Sorghum damals ein Hauptnahrungsmittel gewesen sein muss. „Es ist vergleichbar mit der heutigen Hirse, die Menschen aßen eine Art Hirsebrei“, so Wolf.

Qatar öffnet seine Geldbörse


Wenn er von dieser Tempel- und Wohnsiedlung berichtet, packt es ihn immer wieder. Seit 2000 arbeitet er an dem Projekt in Kooperation mit der sudanesischen Denkmalpflege und der Universität der benachbarten Stadt Shendi, das er maßgeblich entwickelt hat. In den ersten fünf Jahren hatte er es sogar selbst finanziert. „Man kann schon sagen, dass es mein Forschungsbaby ist“, gibt der Archäologe lächelnd zu.

Die mit altägyptischen Hieroglyphen und Götterdarstellungen dekorierte Grabkammer unter der Pyramide der Königin Khennuwa aus dem fünften Jahrhundert vor Christus in Meroe/Sudan.
Foto: Wolf
Die mit altägyptischen Hieroglyphen und Götterdarstellungen dekorierte Grabkammer unter der Pyramide der Königin Khennuwa aus dem fünften Jahrhundert vor Christus in Meroe/Sudan.

Im gleichen Atemzug betont er aber, dass es ohne die Unterstützung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin und später auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn (DFG) nicht möglich gewesen wäre. Seit 2013 fördert das „Qatar-Sudan Archaeological Project“ (QSAP) des Staates Qatar das Projekt finanziell. Geplant sind zwei Millionen Dollar für insgesamt fünf Jahre. Von dem Geld werden alle Gehälter der Projektbeteiligten bezahlt, die Flüge in den Sudan und auch die gesamte Ausrüstung. Was sich erstmal viel anhört, ist für so ein Vorhaben tatsächlich knapp bemessen.

Was reizt Pawel Wolf am Sudan? „Das Land ist das Bindeglied zwischen der orientalischen und der afrikanischen Welt mit so vielen verschiedenen kulturellen Einflüssen“, schwärmt der Wissenschaftler, der durchschnittlich drei Monate im Jahr im Sudan verbringt. „Den Rest der Zeit investiere ich in Antragstellungen, arbeite die Ausgrabungsergebnisse auf und befasse mich mit Bürokratie“, sagt er. Das gehöre eben auch dazu. Trotzdem, so scheint es, könnte Wolf besonders auf die Bürokratie verzichten.

Rückblickend scheint sich selbst Pawel Wolf ein bisschen zu wundern, wie es mit ihm so weit gekommen ist. „Eigentlich wollte ich Architekt werden, habe eine Lehre als Stuckateur gemacht. Aber das war nicht das Richtige für mich“, erzählt Wolf, der in Moskau geboren wurde.

Im Alter von fünf Jahren kam er mit seiner Mutter in die damalige DDR. „Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert. Nach der Lehre fand ich eine Anstellung als Steinrestaurator bei den Staatlichen Museen in Berlin auf der Museumsinsel. Dort hatte ich viel Kontakt mit solchen Sachen wie Mumien.“ Nebenbei holte Wolf an der Abendschule das Abitur nach. Dann studierte er Ägyptologie, klassische Archäologie und Sudanarchäologie an der Humboldt-Universität (HU). „Mein Professor, Steffen Wenig, verlangte, dass ich mich auch mit dem Sudan beschäftige – eben wegen dieser Schlüsselrolle, die das Land einnimmt. Doch zu DDR-Zeiten hatte der junge Mann Zweifel, ob er jemals in dieses Land reisen könnte. „Ich dachte mir, dass das schon irgendwie gehen wird.“

„Die Arbeit am Schreibtisch macht mindestens die Hälfte meines Jobs aus“, erklärt Pawel Wolf.
Foto: Reik Anton
„Die Arbeit am Schreibtisch macht mindestens die Hälfte meines Jobs aus“, erklärt Pawel Wolf.

Nach der Wende zog es Pawel Wolf aber erstmal nach Ägypten. Doch irgendwie begeisterte ihn das Land nicht so, wie er es sich gedacht hatte. „Dann gab es eine Kooperation zwischen dem Roemer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim, der HU und der Uni in Khartum. Es ging darum, die antike Hauptstadt Meroe auszugraben. Ich konnte als Assistent mitfahren und habe gleich gemerkt, dass mich das interessiert“, erinnert sich Wolf. Damals führte nicht mal eine Straße in das Gebiet, einen ganzen Tag dauerte die Fahrt quer durchs Land von Khartum bis in diese Nilregion. „Aber es hat von Anfang an Spaß gemacht. Die Menschen sind wunderbar, sehr offen.“

Doch das Hamadab-Projekt ist nicht das einzige, dem sich Pawel Wolf widmet. Um alle Vorhaben umfänglich vorzustellen, müsste mindestens ein Buch geschrieben werden. Ein weiteres Projekt dreht sich um die königlichen Pyramiden von Meroe, das auf den deutschen Forscher und Träger des Bundesverdienstkreuzes, Friedrich-Wilhelm Hinkel, zurückgeht. „Er arbeitete ursprünglich zusammen mit Fritz Hintze, der wiederum an der HU die Sudan-Archäologie im 20. Jahrhundert etabliert hat“, erklärt Wolf. Der Ost-Berliner Hinkel arbeitete an der Akademie der Wissenschaften und baute in den 1960er Jahren ganze Tempel im Gebiet des späteren Nasser-Stausees ab, um sie vor dem Zerfall zu schützen. In Khartum baute er sie wieder auf, in dem von ihm konzipierten Nationalmuseum. „Hinkel katalogisierte mehr als hundert Pyramiden in Meroe. Diese werden nun durch die Qatari Mission for the Pyramids of Sudan erfasst“, so Wolf, der dieses vom DAI unterstützte Projekt als archäologischer Experte begleitet. Dabei drängt die Zeit, denn die fortschreitende Wüstenbildung setzt den Bauten zu. Wind und Sand schleifen das Gestein förmlich ab.

Zwischen 270 vor und 350 nach Christus entstanden die Pyramiden. „Dann verschwindet das meroitische Königreich plötzlich mitsamt der Sprache. Man weiß noch nicht, warum. Es war wohl keine Invasion von außen, sondern vielmehr änderten sich die inneren sozialpolitischen Verhältnisse massiv.“ Genau in dieser Zeit des Umbruchs existierte auch die Stadtsiedlung von Hamadab, was ihren Reiz auf den Forscher ausmacht.

Auch wenn Pawel Wolf keine Festanstellung an einem Institut oder einer Universität hat, möchte er seinen Beruf nicht wechseln. „Ich bereue meine Entscheidung nicht.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen