Anklage gegen Erzieher wackelt

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26. September 2012, 09:43 Uhr

Perleberg/Frehne | Der Fall: Der 48-jährige Michael A. aus Baden-Württemberg steht vor dem Amtsgericht Perleberg. Ihm wird vorgeworfen, sich zwischen Februar 2008 und April 2010 in sieben Fällen einer Körperverletzung und in einem weiteren Fall einer Freiheitsberaubung schuldig gemacht zu haben. Die Opfer sollen Zöglinge einer Jugendhilfeeinrichtung in Frehne sein.

Gestern wurden die ersten Zeugen gehört, und deren Aussagen könnten den Angeklagten entlasten. Die Vorsitzende Richterin Christine Kirbach und die Staatsanwältin Martina Erdstein jedenfalls waren überrascht. Beide gehörten Zeugen widersprachen ihren bisherigen Aussagen.

Kaum eine seiner gegenüber der Staatsanwaltschaft geäußerten Aussagen hat gestern ein 18-jähriger Zeuge bestätigt. "Kann mich nicht so genau erinnern", sagte er mehrfach. Weder erinnerte er sich daran, dass der Angeklagte einem Jugendlichen Backpfeifen gegeben habe, noch, dass der Angeklagte ein Alkoholproblem habe. Auf die Frage der Richterin, ob er Misshandlungen oder Schläge im Heim beobachtet habe, antwortete er: "Nicht wirklich."

Um seine Erinnerungen aufzufrischen, las Christine Kirbach mehrere seiner Aussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft vor und fragte konkret, ob er diese dann erfunden habe. "Sie sind frei erfunden", so der Zeuge. Er habe Frust auf die Erzieher gehabt.

Zweifel äußerte die Staatsanwältin an dieser Version, erinnerte den Zeugen daran, dass er bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt sei und sie jetzt eventuell eine neue Anklage gegen ihn erheben müsse. Unbeeindruckt nahm der Jugendliche dies zur Kenntnis.

Im Laufe seiner gestrigen Anhörung bestätigte er, dass ein Jugendlicher den Angeklagten während eines Urlaubs in Slowenien verbal gereizt und seinen Kopf in dessen Bauch gerammt habe. Der gehörte Zeuge wohnt derzeit freiwillig in der Frehner Einrichtung und zahlt Miete. Er selbst ist polizeilich durch Schlägereien aufgefallen.

Am Nachmittag war eine 20-jährige Zeugin vorgeladen, die von 2008 bis 2010 in der Frehner Einrichtung untergebracht war, heute verheiratet ist und in Meyenburg lebt. Sie hatte in der polizeilichen Vernehmung am 13. Juni 2010 ausgesagt, dass einer der Jugendlichen beim Rauchen erwischt und dann von dem Angeklagten mit der flachen Hand in den Nacken geschlagen worden sei. Sie, die Zeugin, hätte das gesehen.

Davon war gestern nicht mehr die Rede. Sie könne sich nicht mehr erinnern, ob sie die Tat gesehen oder nur später davon gehört habe. Als Richterin Christine Kirbach sie fragte: "Sie haben der Polizei also bewusst die Unwahrheit gesagt", antwortete die Zeugin mit "Ja". Worauf die junge Frau darauf hingewiesen wurde, dass sie sich damit einer Straftat schuldig gemacht habe, für die sie sich verantworten müsse.

Der erste geladene Zeuge, ein Schüler, erschien gestern nicht. Er wurde erneut vorgeladen. Zu Beginn der Verhandlung zeigte der Angeklagte dem Gericht Fotos aus dem Slowenienurlaub. Sie sollen belegen, dass damals eine gute Stimmung geherrscht habe, und vor allem, dass der Junge, den er laut Anklage geschlagen habe, zu ihm ein sehr gutes Verhältnis gehabt und stets seine Nähe gesucht habe.

Am 16. Oktober um 9 Uhr wird die Verhandlung mit weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt.

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