Bad Wilsnacker Kirche : Andacht im Livestream und als "Gottesdienstweg"

Pfarrerin Anna Trapp (l.) liest die Texte direkt live auf Facebook, Friederike Trapp filmt sie.
Pfarrerin Anna Trapp (l.) liest die Texte direkt live auf Facebook, Friederike Trapp filmt sie.

Der erste Sonntag, an dem der Kirchenkreis Gottesdienste aussetzt. In Wilsnack war die Pfarrerin stellvertretend vor Ort. Die Texte als „Gottesdienstweg“

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22. März 2020, 19:00 Uhr

Um fünf vor zehn läuten die Kirchenglocken, die Tür der Wilsnacker Wunderblutkirche steht offen. Daneben ein Schild: Offene Kirche. In dem imposanten Kirchenschiff wirken die wenigen Menschen, die vereinzelt am Rand der Kirchenbänke sitzen – ein Paar, vier einzelne Personen – etwas vereinsamt. Normalerweise kommen an die 25 Personen zum Gottesdienst. Heute sitzen sie noch mehr als sonst auf Abstand, haben zwischen einander mehrere Bankreihen Platz gelassen. Die Orgel erklingt.

Kein gewöhnlicher Gottesdienst

Es ist Sonntag. Aber kein gewöhnlicher. Angela Merkel hat Zusammenkünfte in Kirchen verboten, zur Sicherheit setzt der Kirchenkreis Prignitz alle Gottesdienste aus. Stellvertretend gingen einige Pfarrer gestern in die Kirchen, beteten und sangen.

Als Pfarrerin Anna Trapp ans Mikrofon tritt, drückt Friederike Trapp an ihrem Smartphone auf Start. Sie wird den ganzen Gottesdienst live im sozialen Netzwerk Facebook mitschneiden. „Schön, dass wir miteinander Gottesdienst feiern“, sagt Anna Trapp in die Kamera und die leeren Kirchenbänke. Zusammen mit der Kirchenmusikerin Lieselotte Holzäpfel hat die Pfarrerin den Gottesdienst ausgearbeitet. Auf eine Predigt verzichtet sie. Gemeinsam mit den wenigen Kirchenbesuchern singt sie stattdessen Lieder, eine Dame trägt ein Lied zu Gitarrenmusik vor, die wenigen Stimmen lassen das leere Kirchenschiff erklingen.

Hoffnung, Mut und Trost

Wenn sie aus dem Evangelium oder dem alten Testament liest, hallt Trapps Stimme in dem imposanten Bau. „Ich bete mit vertrauten Worten und wer mag, kann mitbeten“, spricht sie, „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Der Psalm 23 ist nicht der Wochenpsalm, sie hat ihn bewusst für die aktuelle Zeit gewählt. Etwas Vertrautes, das Kraft gibt.

Zwischen den Zeilen klingt die Krise an, das Wort „Corona“ fällt kein einziges Mal – erst als sie darauf verweist, dass das in Bad Wilsnack geplante Landesjugendcamp ausfällt. Trapp wählt andere Worte: „Hoffnung“, „Mut“, „Trost für die Schwachen, Kranken und Ängstlichen“, „Stärke für die Pflegenden und alle, die für die Gesellschaft wichtige Dienste tun.“ Auch spricht sie die Worte, die Superintendentin Eva-Maria Menard am Mittwoch auf Facebook und Instagram den Menschen mitgab: „Nicht alles ist abgesagt.“ Sonne, Liebe, Gespräche, Zuwendung, Hoffnung und Beten seien nicht abgesagt.

Statt Kaffee und Kuchen, jetzt Hoffnungssteine

Nach 40 Minuten, als die Orgel verklungen ist, tritt Trapp vor die wenigen Besucher. „Wir haben heute das erste Mal live auf Facebook gestreamt“, sagt sie etwas aufgeregt. „Alles ist anders heute.“ Kaffee und Kuchen falle aus, dafür könne sich jeder einen Osterstein mitnehmen. Diese hat sie mit Acrylfarbe bemalt, kleine Hoffnungsbotschaften darauf verewigt. „Verschenkt sie an jemanden, wo ihr denkt, die Person braucht einen kleinen Hoffnungsstein.“ Gern können sie an öffentlichen Plätzen, vor Märkten, Banken oder Apotheken gelegt werden.

Anna Trapp zeigt verschiedene Steine, die sie mit Sprüchen beschrieben und bemalt hat.
Katharina Golze

Anna Trapp zeigt verschiedene Steine, die sie mit Sprüchen beschrieben und bemalt hat.

 

Dann verweist sie: „Dieser Gottesdienst ist eine Woche noch zu begehen.“ Am Eingang hängt der erste Text. „Ankommen“ steht darauf, daneben liegen Gesangsbücher. Entlang der Kirchenbänke können die Besucher die Texte lesen und die Lieder des Gottesdienstes nachsingen, eine Kerze anzünden und „das ablegen, was sie belastet“. Neben Texten am Taufbecken hängt auch einer an der Kollektenbox. Diese werden weiter gebraucht, für viele Projekte.

Täglich offene Kirche

Auch können die Besucher an der Fürbittewand, die Anna Trapp aus ein paar Steinen, einem kleinen Holzkreuz und Kerzen aufgebaut hat, ihre Gedanken auf bereit liegenden Zetteln aufschreiben.  Am Ausgang hängen an einer Wäscheleine „Hoffnungsseiten“. Damals angefertigt zur Passionszeit, auch jetzt sehr passend. „Wenn man mag, kann man da zugreifen“, sagt Trapp. Die Wilsnacker Kirche ist als offene Kirche, täglich von 10 bis 16 Uhr begehbar. Passend zum Gottesdienst sollen die Texte wöchentlich wechseln.

Gleich hinter der Eintrittstür beginnt der Gottesdienstweg mit einem ersten Text.
Katharina Golze

Gleich hinter der Eintrittstür beginnt der Gottesdienstweg mit einem ersten Text.

 

Ob sie auch am kommenden Sonntag einen Gottesdienst halten wird, fragt ein Besucher. „Ich bin hier und die Türen stehen auf“, sagt Trapp. Sie könne niemanden rauswerfen, der dem Glockengeläut folgt. Die Kirche sei groß, und minimiert die Ansteckungsgefahr. „Wichtig ist, dass wir weiter miteinander verbunden bleiben“, sagt sie. Sei es virtuell, durch die Fernseh- und Radiogottesdienste oder durch Gebete.

Eine Idee für Ostern

Zu Ostern plant sie auch in den anderen Kirchen der Gemeinden präsent zu sein, Ostertexte zu lesen und die Kirchen zu öffnen. Wie sie das umsetzen wird, weiß sie noch nicht. „Für Ostern müssen wir nochmal kreativ sein.“

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