Amt schickt keine Kinder nach Frehne

„Wir fühlen uns hintergangen, haben  Hinweise, dass der jetzt Angeklagte  weiter als Erzieher tätig ist.“ - Danuta Schönhardt, Geschäftsbereichsleiterin Kreisverwaltung
„Wir fühlen uns hintergangen, haben Hinweise, dass der jetzt Angeklagte weiter als Erzieher tätig ist.“ - Danuta Schönhardt, Geschäftsbereichsleiterin Kreisverwaltung

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20. September 2012, 07:43 Uhr

Frehne/Perleberg | Seit Mittwoch muss sich ein Erzieher einer Jugendhilfeeinrichtung in Frehne vor dem Amtsgericht Perleberg verantworten. ("Der Prignitzer" berichtete gestern.) Die Vorwürfe wiegen schwer, reichen von Körperverletzung bis Freiheitsberaubung. Der Angeklagte Michael A. bestreitet das.

Verlesen wurden am ersten Verhandlungstag auch Protokolle des Jugendamtes Perleberg. Das hatte nämlich am 23. April 2010 die Jugendlichen aus der Einrichtung genommen, in andere Jugendhilfeeinrichtungen vermittelt. Dem voraus gegangen waren Gespräche sowohl mit den in Frehne untergebrachten Jugendlichen als auch mit dem Heimleiter. "Nachdem wir vom Jugendamt Werl aus dem Landkreis Soest über schwere Vorwürfe gegen Herrn A. informiert wurden, sind wir sofort losgefahren nach Frehne und haben ihn mit den Vorwürfen konfrontiert, die er bestritten hat. Dann haben wir mit den Jugendlichen gesprochen, erst mit ihnen allein, später im Beisein des Heimleiters", berichtete gestern Danuta Schönhardt, die für das Jugendamt zuständige Geschäftsbereichsleiterin der Kreisverwaltung Prignitz, im Gespräch mit dem "Prignitzer". Es seien erschütternde Aussagen gewesen. Das, so ist sie sich sicher, könnten sich die Zöglinge der Einrichtung nicht alles ausgedacht haben. Denn auch im Beisein des Heimleiters hätten sie zu den Vorwürfen gestanden, hätten dem Heimleiter vorgeworfen, sie nicht vor den Aggressionen des jetzt angeklagten Erziehers geschützt zu haben. Die Konsequenz: Die Jugendlichen wurden aus der Einrichtung genommen. Der beschuldigte Erzieher sollte als solcher nicht mehr in Frehne tätig sein, sich auch nicht mehr in der Einrichtung aufhalten.

Ein offenbar schwieriges Unterfangen, wie die Gerichtsverhandlung deutlich machte. Denn Michael A. ist neben dem Frehner Heimleiter nicht nur Vorsitzender des Trägervereins "Kinder und Jugendliche ohne Grenzen" dieser Jugendhilfeeinrichtung. Gemeinsam mit einer weiteren Person sei er auch Besitzer der Immobilie, in der sich die Einrichtung befindet, verfüge über einen eigenen Wohntrakt. Vor Gericht gab er an, derzeit mit organisatorischen Aufgaben des Vereins betraut zu sein und in dieser Funktion auch um Frehne keinen Bogen machen zu können.

Dass er dort durchaus auch weiter als Erzieher fungiere, und das auch unter dem Namen Günther, "dafür haben wir mehrere Hinweise erhalten", macht Danuta Schönhardt deutlich. "Das haben wir auch dem Landesjugendamt mitgeteilt", fügt sie hinzu. Dieser Umstand sei auch der Grund, weshalb das Prignitzer Jugendamt derzeit keine Jugendlichen in die Frehner Einrichtung vermittelt. "Wir hatten nach den Vorkommnissen im April 2010 später kurzzeitig noch einmal einen jungen Mann in Frehne unter gebracht, weil wir auf die Schnelle keine andere Einrichtung fanden. Darüber wurde aber extra mit dem Heimleiter eine Vereinbarung abgeschlossen, in der ausdrücklich steht, dass Herr A. auf Beschluss des Vereinsvorstandes nicht mehr zu den Mitarbeitern in Frehne gehört und sich nicht mehr in der Einrichtung befindet", beschreibt die Geschäftsbereichsleiterin.

Doch die Praxis sei offenbar eine andere, weshalb das Jugendamt seitdem keine Zöglinge mehr nach Frehne vermittelt. "Wir fühlen uns hintergangen, können nicht riskieren, dass vielleicht ein Betreuter dort zu Schaden kommt", argumentiert Danuta Schönhardt. Gleichzeitig fügt sie hinzu, dass diese Entscheidung sich ausdrücklich nur auf den jetzt Angeklagten beziehe. "Der Heimleiter und seine anderen Mitarbeiter machen eine gute Arbeit."

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