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Ein Stück Familiengeschichte : Am Grab von Onkel Julius

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Schicksal eines abgestürzten Piloten nach 70 Jahren aufgeklärt – Familie hat nunmehr auf dem Friedhof Baek einen Platz zum Trauern

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 12:00 Uhr

„So nah war ich dir noch nie, Onkel Julius. Ich habe fast nicht mehr geglaubt, die Gelegenheit zu erhalten, an deinem Grab zu stehen.“ Rainer Haag aus Heiligenhafen ist sichtlich bewegt, als er an der Grabstätte auf dem Friedhof in Baek steht. Mehr als 70 Jahre hatte die Familie nur vermuten können, wo der Pilot Julius Haag im Frühjahr 1945 gefallen war. Über dem Kanal oder irgendwo in Ostdeutschland, in einer Stadt mit Doppelnamen an der Elbe, waren die zwei plausibelsten Vermutungen. Belegen ließen sich beide jedoch nicht. Bei den jährlichen Familientagen war das ungeklärte Schicksal des Onkels immer wieder ein Thema. Erst 2015/2016 stießen Regionalhistoriker auf die Spuren von Julius Haag und dem mit ihm abgestürzten und gestorbenen Hans Tietzel.

Jürgen Freitag aus Perleberg beschäftigt sich unteranderem mit der regionalen Luftfahrthistorie und mit Militärgeschichte. Er stieß dabei auf die Spur der auf einem Feldflugplatz in Wüsten Vahrnow als eine Art letztes Aufgebot von Hitlers Luftwaffe stationierten Staffel, wusste auch von einem Absturz. Die Bücker-Schulflugzeuge waren mittels einer Art Bausatz mit Panzerfäusten bestückt worden und sollten als Panzerjäger fungieren. Bei einem Übungsschießen verunglückten Julius Haag und Hans Tietzel am 13. April 1945 tödlich.

Heinz Dieter Lohrer aus Wittenberge stieß eher durch Zufall auf die Spur der Flieger. Er hatte den Todestag des Geheimrats von Winterfeld im Frühjahr 1945 recherchiert. In einem Kirchenbuch fand er das gesuchte Sterbedatum. Gleich darunter standen die Todesdaten der beiden Gefallenen. Lohrer wurde neugierig, suchte in alten Aufzeichnungen, sprach mit Menschen aus Baek und Wüsten Vahrnow und konnte das Ereignis schließlich lokalisieren und belegen.

Die zusammengeführten Forschungsergebnisse beider Freizeithistoriker fanden den Weg in den „Prignitzer“ und von dort aus ins Internet. Dort entdeckte sie dann Roland Haag, der Sohn von Rainer Haag. Beide nahmen Kontakt zu Heinz Dieter Lohrer auf.

Für den Neffen schließt sich mit dem ersten Familienbesuch am Grab von Onkel Julius und zuvor am Absturz- und am Aufbahrungsort ein Kreis. „Ich bin erleichtert, dass ich nun weiß, wo Onkel Julius zur letzten Ruhe gebettet wurde und wie er fiel. Ich bin nicht fröhlich, eher zufrieden. Die lange Suche ist jetzt endlich abgeschlossen und die Ungewissheit beendet“, beschreibt er seine Gemütsverfassung.

Die Erleichterung rührt wohl auch daher, dass über die mehr als sieben Jahrzehnte hinweg die Kriegsgräberstätte stets von Einwohnern aus Baek gepflegt worden ist. In den vergangenen 40 Jahren kümmerte sich vorwiegend Irene Feilke darum, obwohl sie fast nichts über die dort begrabenen Kriegstoten wusste. Auch andere hielten das Grab in gutem Zustand.

Als die Namen der Toten bekannt geworden waren, wurde unter anderem auf Initiative von Heinz Dieter Lohrer zum 100. Geburtstag von Julius Haag im Vorjahr ein neuer Grabstein aus Granit in Baek gesetzt, sehr zur Freude der Familienangehörigen aus Heiligenhafen. Rainer Haag bedankt sich herzlich bei Irene Feilke und zieht die etwas Widerstrebende mit zum Erinnerungsbild der Familie am Grabstein. „Sie ist eine liebe Seele“, meint er.

Auch für Daniela Kühne ist der Tag etwas besonderes. Sie lebt in Baek, kennt die Grabstätte schon viele Jahre. Und als Kriegsgräberbeauftragte des Landkreises Prignitz hat sie auch beruflich mit dem Schicksal von Kriegstoten zu tun, war mit dem Auftrag für den neuen Grabstein in Baek befasst. Eine Geschichten wie mit dem Grab von Julius Haag und dem Familientag hatte sie zuvor aber noch nicht erlebt. „Dabei bekommt die Arbeit ein ganz anderes Gesicht“, zeigt sie sich bewegt.  

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