Alkoholkonsum : Alterskontrollen in Läden zu lasch

Laura Kähler und Johanna Arndt sind beide erst 15 Jahre alt – Trotzdem: In der Prignitz an Alkohol zu kommen, war für die beiden Schülerinnen kein Problem.
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Laura Kähler und Johanna Arndt sind beide erst 15 Jahre alt – Trotzdem: In der Prignitz an Alkohol zu kommen, war für die beiden Schülerinnen kein Problem.

Wie einfach ist es für Minderjährige im Landkreis an Hochprozentiges zu kommen?

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21. November 2014, 22:00 Uhr

Ein Ergebnis, das schockiert, aber irgendwie auch nicht überrascht: Elf Flaschen mit alkoholischen Getränken stehen vor Laura Kähler und Johanna Arndt. Darunter Sekt, süße Weine, Alkopops und ein Likör mit 40 Prozent. Das sind fast sieben Liter Hochprozentiges und könnte locker reichen, um zwei erwachsene Männer betrunken zu machen. Doch Laura und Johanna sind erst 15 Jahre alt. Trotzdem wurden ihnen diese Flaschen in der Prignitz verkauft - das ist die Bilanz unseres Tests.

Laura und Johanna gehen beide in die neunte Klasse des Perleberger Gymnasiums. Alkohol hätten sie zwar schon einmal probiert, erzählen sie, doch selber welchen gekauft noch nie. Für uns machten sie den Test: Wie leicht ist es für Minderjährige in der Prignitz an Hochprozentiges zu kommen? Insgesamt haben sie neun Läden überprüft. Darunter Supermärkte, Discounter und Bahnhofshops.

Als erstes versuchen es Laura und Julia bei Famila in Perleberg. Hier wollen die beiden Mädchen eine Flasche süßen Wein kaufen. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“, fragt die Verkäuferin. „Nein“, gestehen Julia und Laura. „Dann kann ich ihnen den Alkohol auch nicht aushändigen.“ Pech gehabt. „Wir hätten vielleicht hartnäckiger sein müssen“, meint Laura, als sie den Laden verlassen.

Famila-Betreiber Norbert Schwarz ist zufrieden: „Wir nehmen das Thema Alkohol und Jugendliche sehr ernst.“ Die Mitarbeiter würden in seiner Filiale regelmäßig geschult und für dieses Thema sensibilisiert werden. „Außerdem haben wir seit einigen Monaten ein technisches Hilfsmittel an den Kassen. Dieses erinnert die Verkäufer daran, das Alter zu kontrollieren, wenn ein alkoholisches Getränk oder Zigaretten eingescannt werden.“

Doch gleich im zweiten Laden haben Laura und Julia mehr Erfolg. Der Verkäufer fragt nicht einmal nach dem Alter der zwei Schülerinnen. Selbst als ein anderer Kunde, die beiden Mädchen fragt, ob sie für Alkohol nicht noch zu jung seien, reagiert der Verkäufer nicht. Ein Verhalten, dass den Diplom-Psychologen und Leiter der Einrichtung für Suchtkranke in Klein Linde, Klaus Hansen, schockiert: „Man kann nicht verhindern, dass sich Jugendliche Alkohol verschaffen, aber man kann den Zugang erschweren.“ Die Kontrolle des Alters an der Kasse sei dabei sehr wichtig. In Deutschland dürfen Jugendliche ab 16 Jahren Alkohol wie Sekt und Bier konsumieren, branntweinhaltige Getränke sind sogar erst ab 18 Jahren erlaubt.

Dennoch: In fünf der neun Testläden bekamen die zwei Minderjährigen ohne Probleme an Alkohol. Zwar wurde in den meisten Fällen nach einem Ausweis gefragt, dieser dann jedoch nicht genau kontrolliert. Ein Zustand, den sich auch Ronny Köster, Filialleiter des Getränkemarkts im Bentwischer Weg nicht erklären kann. Auch in seinem Laden kauften die Mädchen Alkohol. „Das sollte um Gottes Willen nicht passieren“, sagt der Familienvater: „In jedem unserer Märkte liegen A4-Zettel aus, auf denen das Gesetz erklärt wird. Außerdem werden regelmäßig Testkäufe gemacht.“ Köster versprach, gleich im Anschluss unseres Experiments, seine Mitarbeiter nochmals für das Thema zu sensibilisieren.

Laura und Johanna gaben nach unserem Test selbstverständlich alle Flaschen wieder ab. Doch was ist, wenn man als Elternteil feststellen muss, dass das eigene Kind getrunken hat? „Zuerst einmal, keine Vorhaltungen. Das führt zu nichts. Eltern sollten sich Zeit nehmen, mit ihren Kindern in einer ruhigen Atmosphäre zu sprechen. Der Vorfall sollte keinesfalls totgeschwiegen werden“, erklärt Hansen. Sollte sogar bereits ein Alkoholproblem vermutet werden, empfiehlt er, sich direkt um professionelle Hilfe zu bemühen.

Jugendliche ab 16 Jahren dürfen Bier und Sekt trinken. Doch wie viel Alkohol ist zu viel Alkohol? „Eine Kiste Bier ist in jedem Fall zu viel. Aber, ob ein Bier schon zu viel ist, ist eine individuelle Entscheidung. Es gibt keine allgemein gültige Mengenangabe“, sagt der Diplom-Psychologe. Er appelliert daher an die Eltern, ein Vorbild zu sein. „Sie können ihren Kindern den mäßigen Alkoholgenuss vorleben. Mit schwerer Zunge wirken Ermahnungen zur Zurückhaltung weniger überzeugend.“

Laut der Internetplattform Statistika haben in Brandenburg 16 Prozent der Bewohner über 18 Jahren einen ungesunden Alkoholkonsum. Dass das Trinkverhalten der Jugendlichen in der Prignitz problematisch sei, bestätigt Hansen: „Aber nicht mehr und nicht weniger, als anderswo. Übermäßiger Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist immer ein Problem.“

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