Gottfried-Arnold Gymnasium Perleberg : Alte Stadt – nicht jugendfrei

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Rund 100 Gymnasiasten diskutieren mit Vertretern, die sich die Stadtentwicklung auf die Fahnen geschrieben haben im Spannungsfeld zwischen historischer Bausubstanz, jugendgemäßen Angeboten und Erwartungen.

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12. Dezember 2013, 22:00 Uhr

In Schönheit sterben – die Jacke muss sich Perleberg nicht anziehen, so der Tenor der überaus angeregten Diskussion von rund 100 Elf- und Zwölftklässlern des Gottfried-Arnold-Gymnasiums mit Vertretern, die sich Stadtentwicklung in einem historischen Ambiente auf ihre Fahnen geschrieben haben. Im Podium: Michael Knape, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ und Bürgermeister von Treuenbrietzen; Hathumar Drost, Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen“; Jens Trommeshauser, BIG Städtebau GmbH; Martina Hennies, Sachgebietsleiterin Kultur, Jugend, Sport, Tourismus (Stadt), und Hagen Boddin, Bauamtsleiter.


Was braucht es, damit Jugend zurückkommt?


Im Spannungsfeld zwischen historischer Bausubstanz, Altstadtsanierung und dem, was die Jugend erwartet, um hier auch künftig ihren Lebensmittelpunkt zu sehen, wurde angeregt diskutiert. Interessant dabei der Fakt, dass sich die Heranwachsenden genötigt fühlen, hier entweder gleich eine Lehre zu beginnen oder aber spätestens nach Ausbildung und Studium wieder zurückzukommen, „damit sich die Stadt auf sie einstellt“.

Hagen Boddin: „Die Stadt will keineswegs Erwartungsdruck aufbauen, aber sie kämpft wie jede andere Kommunen, um für junge Menschen attraktiv zu sein, damit sie wieder zurückkehren.“ Doch was hat diese ihnen dann zu bieten? „Die Frage muss man sich selbst beantworten“, so Michael Michael Knape. „Wichtig sei zu erfahren, was braucht es, damit sich junge Menschen hier wohl fühlen, damit sie zurückkommen.“

Denkmale allein werden es nicht sein, auch nicht idyllische Ruhe und eine schöne Umgebung. Und spricht überhaupt auch all das an, was „wir in unseren historischen Städten auf den Weg bringen“, so Hathumar Drost.

Offensichtlich hat die Jugend andere Vorstellungen. „Wir wollen Fun, wollen feiern, Freunde treffen, brauchen Möglichkeiten dafür“, bringt es eine Schülerin auf einen kurzen Nenner und schließt zugleich ein, dass sie in fünf oder zehn Jahren sicher andere Ansprüche habe. Was aber biete die Region jungen Menschen nach der Ausbildung. „Bekommt man Arbeit und wenn ja, dann wird die in Hamburg oder Berlin sicher besser bezahlt“, so eine andere Schülerin. Dass Perleberg mit 534 Arbeitsplätzen auf 1000 Einwohner einen Spitzenplatz hier im Land einnimmt und die Region auch eine Vielzahl von Branchen vorhält, das war für viele der Schüler sicher neu, aber derzeit eigentlich auch noch nicht für sie relevant. Sie wollen erst ihre berufliche Laufbahn begründen, wollen als Kleinstädter das Leben in der Großstadt erkunden und auch nicht erst beim Studium ihre Jugend leben. Aber ohne Fahrerlaubnis ist es ein schweres Hin- und Herkommen in der Prignitz, sei man stets darauf angewiesen, dass man gebracht oder abgeholt werde. „Bis 20 Uhr fährt der Zug, am Wochenende nur alle zwei Stunden“, so die Erfahrung der Schüler.

Ein neuralgischer Punkt, den die Jugendlichen ansprechen. Es brauche Verkehrsinfrastrukturen, „die unsere historischen Städte auch mit einbeziehen“, machte Michael Knape deutlich. Als Verbund von 31 Städten könne man natürlich anders auftreten als jeder für sich. Doch jeder weiß auch, letztlich ist alles eine Frage des Geldes.

Mehr jüngere Lehrer – aber nur einer der Elf- und Zwölftklässler will Lehrer werden –, ein altes Haus, das der Jugend gehört, ein Platz im Sommer zum Chillen, für Beach-Volleyball, eine Schule, wo man auch die Wahl hat und nicht nehmen muss, was da ist (in Berlin arbeiten die Schulen mehr zusammen, könne so auch mehr anbieten), das wünschen sie sich. „Wenn ihr es wollt, dann finden wir auch Mittel und Wege, damit nicht um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden“, versichert Jens Trommeshauser. Selbst erst 34 Jahre alt, ist er in die Prignitz gekommen, ebenso Dr. Peter Knüvener, der im Stadt- und Regionalmuseum eine Aufgabe übernommen hat. „Es gibt eine Vielzahl von Angeboten und es lebt sich gut hier als junge Familie.“

Martina Hennies weiß aus eigenem Erleben, dass eine Stadt, die man eigentlich nach einem Jahr verordneten Einsatzes, wie nach dem Studium zu DDR-Zeiten üblich, wieder verlassen wollte, einem ans Herz wachsen kann. Auf die Frage, wer von den Gymnasiasten sich mit den Gedanken trage, wieder in die Prignitz zurück zu kommen, waren 20 bis 25 Hände zu sehen.

Letztlich werden sie machen, was ihnen das Herz sagt, ist sich Hathumar Drost sicher. Wenn es sie zurück ziehe, sei das schön, wenn nicht, tragen sie zumindest ein Stück Perleberg in die Welt hinaus.

Was an diesem Abend zur Sprache kam, das falle nicht unter den Tisch, versicherte nicht zuletzt Bürgermeister Fred Fischer. Für die Gymnasiasten mehr von Interesse aber ist, was letztlich draus werde, wie Henning Lindow, Klasse 12, sagt. Eines aber stehe außer Zweifel, Perleberg ist nicht jugendfrei, die Jugend ist hier willkommen.

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