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Wunderblutkirche als Denkmal : Aktenmeter für das große Denkmal

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Architekten und Planer arbeiten 10 000 Seiten starkes Konzept für Perspektive der Wunderblutkirche und des Kirchenareals aus

von
erstellt am 26.Okt.2015 | 22:00 Uhr

32 Ordner mit knapp 10  000 Seiten, insgesamt rund 50 Kilogramm Papier – allein die Antragsdokumente für die Förderung der Wunderblutkirche als Denkmal von nationalem Rang lassen erahnen, wie hoch die Hürden für dieses Programm liegen und welchen Umfang das Projekt insgesamt hat. Vor zwei Wochen wurde der Antrag bei der zuständigen Stelle eingereicht.

Unter Leitung von Regine Hartkopf, Architektin und Dombaumeisterin der Vereinigten Domstifter Merseburg, Naumburg und Zeitz, arbeiteten Experten verschiedener Fachrichtungen ein Dreivierteljahr an dem eindrucksvollen Papierstapel. „Die Kirche und ihr Umfeld wurden bis ins Detail analysiert“, sagt Hartkopf. „Fachgutachten zur statisch-konstruktiven Beschaffenheit der Kirche, entwickelt von Diplomingenieur Axel Seemann, und kunsthistorische und denkmalpflegerische Bewertungen von Dr. Maria Deiters sowie Dr. Hartmut Kühne flossen in den Antrag ein. Zwischenstände wurden mit Vertretern der Kirchengemeinde, der Politik, der Denkmalämter und der Kirchenleitung immer wieder besprochen. Nun ist der Antrag gestellt.“

Zentraler Gedanke des Konzepts ist es, die Wunderblutkirche St. Nikolai als gewaltiges Baudenkmal in der Mitte des kleinen Kurstädtchens viel intensiver mit den Perspektiven der Menschen und Gebäude im Umfeld zu verknüpfen.

Ein Schlüssel dazu ist das ehemalige Inspektorenhaus im Schlosspark. Noch ist hier der Hort untergebracht, doch aufgrund wirtschaftlicher Gründe ist die Stadt Bad Wilsnack bestrebt, dass dieser in die Elbtalgrundschule zieht (wir berichteten). „Dann wäre das Inspektorenhaus frei und der perfekte Verwaltungssitz für den Mitte 2013 neu gegründeten Kirchenkreis Prignitz“, umreißt Regine Hartkopf einen Anker des Konzepts. „Nach Fusion der Kirchenkreise Perleberg-Wittenberge und Havelberg-Pritzwalk wird ein gemeinsamer Amtssitz gesucht und Bad Wilsnack böte dafür die besten Voraussetzungen.“ So sei die Lage der Kurstadt zentral: Die schnelle Anbindung an Berlin über die Bahn und der Sitz der Suptur in unmittelbarer Nähe zur Wunderblutkirche, die Gemeinderäume vor Ort sowie der geplante Neubau mit Tagungsräumen auf der Schlossplatte ergäben ein stimmiges Ensemble, erklärt Hartkopf. Das alles seien Optionen, die langfristig entscheidende Impulse setzen.

Weiterhin führt die Architektin die Tradition des Pilgerns ins Feld. „Im Mittelalter war Bad Wilsnack ein bedeutendes Zentrum des europäischen Pilgertums. Dies möchte man wieder aufleben lassen, Pilgern und Tourismus in Verbindung mit Heil und Heilung fördern. Konsequenterweise ist geplant, eine Pilgerherberge und ein Pilgercafé im Gemeindehaus zu etablieren, das bekanntlich schon jetzt aus allen Nähten platzt“, erklärt die Denkmalexpertin. Mit der Einbeziehung des Inspektorenhauses böte sich schließlich an, den benötigten Freiraum im südlichen Gebäudeteil zu schaffen; Funktionsräume der Gemeinde sowie die Diakonie verlagerten sich ebenfalls in den Schlosspark.

„Zentraler Ausgangspunkt aller Überlegungen freilich war die Wunderblutkirche. Aufgrund jahrzehntelang aufgeschobener Sanierungsarbeiten ist hier ein gewisser Stau entstanden, der durch die Kirchengemeinde ohne Fördermittel nicht gestemmt werden kann“, legt Hartkopf den Finger in die große Wunde. „Daher wird sich ein Großteil der geplanten Maßnahmen auf das Kirchenbauwerk konzentrieren.

So sei das Dachtragwerk statisch-konstruktiv zu reparieren, aber auch der Innenraum neu zu ordnen und an die aktuellen Anforderungen der Nutzung anzupassen.

Um museal bedeutsame Stücke auszulagern und sakrale Funktionen zu stärken, wurde von den Experten von Beginn an die Gesamtsituation aus Gemeindehaus, Schlossplatte, dem Park mit dem Inspektorenhaus sowie dem näheren Umfeld ausführlich betrachtet und in die Konzeption einbezogen.

„Um die Neuordnung umzusetzen ist es notwendig, rein museale Exponate, die sich neben sakralen Ausstattungen noch im Kirchenraum befinden, an einen externen Ort auszulagern und dort ebenso die spannende Pilgerhistorie zu präsentieren. Wir schlagen daher vor, dafür auf den Fundamenten des ehemaligen Schlosses einen Neubau zu errichten, der sich sensibel in das Umfeld einfügt und über den Schwibbogen barrierefrei an die Kirche angebunden ist“, erklärt Regine Hartkopf den kühnen Plan. In diesem Neubau könne auch ein großer Versammlungs- und Tagungsbereich für die Kirchengemeinde und politische Gremien entstehen. Dies sei besonders wichtig, da in der Kirche selbst keine Möglichkeit zur Beheizung gegeben ist und der Raum aus konservatorischen Gründen unbeheizt bleiben muss.

Auch das Umfeld der Kirche St. Nikolai soll Veränderungen erfahren, erklärt die Fachfrau. Das betreffe einerseits die Parkplatzsituation, andererseits sei die Beschilderung für Besucher der Region zu verbessern. Zudem solle ein öffentlicher Spielplatz in der Nähe des evangelischen Kindergartens und des Parks entstehen. „Viele gemeinsame Abstimmungen mit der Stadt und den Verantwortlichen vor Ort sind dazu noch erforderlich.“

Keinen Hehl macht Regine Hartkopf daraus, dass die Anforderungen an die Kirchengemeinde mit der Verwirklichung der Planungen steigen werden. „Gebaut wird immer für Menschen, die in den umbauten Räumen leben und arbeiten. So wäre diese ganze Entwicklung auch nicht denkbar, ohne die überaus aktive Kirchengemeinde und den engagierten Förderverein, die gemeinsam immer wieder neue Entwicklungen vorantreiben. Dass die Gemeinde an räumliche Grenzen stößt, spricht Bände.“

Mit der Abgabe des Antrags ist der erste große Schritt auf dem Weg der Entwicklung von Kirche und Umfeld getan. Viele weitere werden folgen. Mit einer Bewertung und einem Bescheid des Antrags rechnen die Projektpartner im Frühjahr 2016. Parallel wird an Möglichkeiten zur Finanzierung der Arbeiten im Umfeld gearbeitet. So ist beispielsweise der Bereich um die Kirche in Teilen im Stadt-Umland-Wettbewerb enthalten. Für den geplanten Neubau auf der Schlossplatte stehen Gespräche im Ministerium in Potsdam an, Stiftungen und potentielle Betreiber wurden kontaktiert. „Der Antrag ist der erste große Schritt, der Geschichte der Wunderblutkirche einen weiteren Akt hinzuzufügen“, sagt Hartkopf.

 



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