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Deutschunterricht für Flüchtlinge : Afghanisch, Englisch, Deutsch

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Sprache ist der Schlüssel zur Integration, meint Rentnerin Helga Enders. Die ehemalige Lehrerin gibt Flüchtlingen Unterricht

von
erstellt am 14.Okt.2015 | 08:00 Uhr

„Der Tisch – ein Tisch. Die Flasche – eine Flasche. Das Bett – ein Bett.“ Es sind die Grundlagen der Sprache, das Verständnis für die Wortarten, die richtige Zuordnung zu den Geschlechtern und die Konstruktion der Fälle, die Helga Enders zu beginn jeder Unterrichtsstunde wiederholt. Auffrischen, heißt die Devise. Das Gelernte vertiefen. Ihr gegenüber sitzen vier junge Erwachsene, verfolgen mit dem Finger den Text in ihrem Lehrbuch, blicken aufmerksam nach oben, wenn Helga Enders in typischer Lehrermanier gestikuliert und versucht, das Erklärte mit den Händen greifbar zu machen. Die kleine Denise ist eher damit beschäftigt, Mamas Federtasche auszuräumen. Und immer wieder lacht sie.

Seit Mai ist Helga Enders wieder Lehrerin. Freiwillig, ehrenamtlich. „Christian Richter von der Kirchengemeinde hatte mich im April angesprochen. Seine Mutter lernt bei mir in einem Abendkurs Englisch, und er kam zu mir und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Flüchtlinge zu unterrichten, die in Bad Wilsnack untergekommen sind. Lange überlegen musste ich da um ehrlich zu sein nicht.“

Im Internet recherchierte Enders nach den passenden Unterrichtsmaterialien. Die Kirchengemeinde bezahlte Bücher und Arbeitshefte mit Spenden, die sie gesammelt hatte. „Am 10. Mai ging es los, immer Dienstags und Donnerstags zwei Unterrichtsstunden.“

Am Anfang standen die ganz grundsätzlichen Sätze. Wer bin ich, wo komme ich her, wo wohne ich. Essen, trinken, die Frage nach dem Weg. „Die modernen Lehrbücher orientieren sich stark am Alltag, man kann damit die Sprachkompetenz vermitteln, auf die es am Anfang ankommt“, sagt Helga Enders und fügt hinzu, dass man als Lehrer einfach ein Helfersyndrom haben müsse.

Sie selbst hat auch einen Migrationshintergrund, ihre Familie stammt aus Slowenien und kam nach Deutschland, als sie acht Jahre alt war. „In der zweiten Klasse war ich ein Exot, aber sofort integriert. Kinder machen da keine Unterschiede, und am Ende der zweiten Klasse konnte ich gut Deutsch sprechen.“

Nach Abitur und Lehramtsstudium arbeitet Helga Enders viele Jahre als Lehrerin in Bad Wilsnack und ist jetzt eigentlich im Ruhestand. „Aber irgendwer muss den Flüchtlingen die Sprache ja beibringen. Ich mache das gerne.“

Während die Kinder der Flüchtlingsfamilien inzwischen die Kita besuchen und ähnlich gut Deutsch lernen wie einst Helga Enders, fällt es den Erwachsenen schwer. „Es ist eine schwere Sprache“, gibt Nooryalay Watanyar unumwunden zu. „Aber es ist wichtig, dass wir sie lernen, nur so können wir uns mit den Deutschen unterhalten und uns integrieren.“

Gemeinsam mit seiner Frau Fawzia und der kleinen Tochter Denise sitzt er im Kurs. Sie stammen aus Kunduz, flohen über die Türkei, Griechenland und Ungarn nach Deutschland. Noory, wie ihn seine Lehrerin ruft, hat in Indien IT-Technik studiert und spricht perfekt englisch. In Afghanistan arbeitete er als Übersetzer für Nato-Truppen und als die abzogen, war er nicht mehr sicher. „Sie können mir glauben, ich wäre lieber in meiner Heimat geblieben. Aber dort kann man nicht mehr leben, man ist permanent in Gefahr.“

Auch Baryalay und Skogofa Mohammadzai sind geflohen und lernen bei Helga Enders die Sprache. „Skogofa ist hoch schwanger, und kommt trotzdem immer zum Unterricht“, freut sich die Lehrerin. „Das zeigt doch, wie ernst die Flüchtlinge das nehmen. Wir müssen ihnen nur Chancen bieten, an unserem Leben teilzuhaben.“ 

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