Die Gute Seele : Abschied von „Schwester Agnes“

Anja Stolzki und Daniela Reiche (r.) nehmen Ingrid Krüger fürs Abschiedsbild in ihre Mitte. Sie sprechen dem gesamten Team aus dem Herzen, wenn sie sagen: „Wir werden dich vermissen.“
Anja Stolzki und Daniela Reiche (r.) nehmen Ingrid Krüger fürs Abschiedsbild in ihre Mitte. Sie sprechen dem gesamten Team aus dem Herzen, wenn sie sagen: „Wir werden dich vermissen.“

Ingrid Krüger, früher Gemeindeschwester und zuletzt „Mama für alle“ im Gutshaus Retzin, hat heute ihren letzten Arbeitstag

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29. Dezember 2014, 22:00 Uhr

„Schwester Agnes“ – daran, an die Zeit der Gemeindeschwestern, erinnern sich noch viele, die in der DDR groß geworden sind. „Schwester Agnes“, im gleichnamigen Defa-Film in den 1970er Jahren grandios von Agnes Kraus dargestellt – diese Rolle nimmt man auch Ingrid Krüger aus Groß Pankow sofort ab, schon, wenn man die ersten Worte mit ihr gewechselt hat. Heute endet ihr Berufsleben, ist ihr letzter Arbeitstag in der Wohnstätte des Lebenshilfe-Landesverbandes im Guthaus Retzin.

Ihre knapp 20-jährige Tätigkeit hier prägte sie mindestens ebenso sehr wie ihre Zeit als Gemeindeschwester. Von 1979 bis 1990 übte sie diesen Job im Bereich Groß Pankow aus. „Die Gemeindeschwester, das war damals eine Persönlichkeit im Dorf, saß quasi im Gemeinderat neben dem Bürgermeister …“, erinnert sie sich und schmunzelt. Ein Mädchen für alles, im positiven, qualifizierten Sinne sei sie gewesen. „Als dieses Modell 1990 auslief, konnten vor allem die alten Leute überhaupt nicht verstehen warum. Das war ihnen nur sehr schwer begreiflich zu machen“, sagt Ingrid Krüger. Wiederbelebungsversuchen für das Schwester-Agnes-Modell, die es ja in Brandenburg eine Zeit lang gab, steht die 63-Jährige skeptisch gegenüber. „Es wird nie wieder so sein wie es war. Dafür haben sich die Strukturen in der ambulanten Pflege und die medizinischen Rahmenbedingungen zu stark verändert.“ Bis 1995 arbeitete sie als Sozialschwester beim Paritätischen Wohlfahrtsverband weiter.

Dann aber wurden Mitarbeiter für die Wohnstätte in Retzin gesucht, für ein Team, das hier ganz neu aufgebaut werden sollte. Ingrid Krüger bewarb sich, wurde genommen, war im August 1995 dabei, als die ersten Bewohner aus der Psychiatrie in Neuruppin abgeholt wurden.

In den 90er Jahren startete das Land Brandenburg ein sogenanntes Enthospitalisierungsprogramm, das auf das genaue Gegenteil von Verwahrung, Isolation und Fremdbestimmung zielt. Für zahlreiche Patienten mit geistiger Behinderung, die bislang in psychiatrischen Kliniken untergebracht waren, wurden neue Wohn- und Betreuungsformen in stationären, teilstationären oder ambulanten Einrichtungen gefunden. Eine davon befindet sich in Retzin. Für Ingrid Krüger so etwas, wie eine zweite Lebensaufgabe. „In Neuruppin hatten diese Menschen ein Bett und einen Nachtschrank, mehr nicht. Bei uns durften sie sich selbst einrichten, sich entfalten, Leidenschaften ausleben. Sie können sich über so viele Kleinigkeiten freuen. Und wir? Niemand wusste eigentlich so richtig, wie das alles gehen soll, es gab praktisch keine Erfahrungswerte. Aber wir haben uns ’reingefunden, sind wie eine Familie.“

Einrichtungsleiterin Anja Stolzki hat vor diesem Hintergrund ihre ganz eigene Sicht auf ihre langjährige Mitarbeiterin und meint: „Sie hat das Kind in unseren Bewohnern nie sterben lassen.“ Als „Mama für alle“ bezeichnet ihre junge Kollegin Daniela Reiche, die als Gruppenleiterin in die Fußstapfen tritt, Ingrid Krüger. „Sie war wirklich immer für die Mitarbeiter da, hatte vor allem stets eine Lösung parat. Da konnte das Problem noch so schwierig sein.“

„Das Organisieren liegt mir total“, räumt Ingrid Krüger ein, und ihr diesbezügliches Talent wird auch im Ruhestand gefragt sein. Denn von Ruhe kann da nicht unbedingt die Rede sein. „Ich habe zwei Kinder, vier Enkel, Haus und Grundstück. Meine Tochter betreibt zwei Gaststätten und einen Partyservice. Da ist immer etwas zu helfen. Und mein Mann ist schon im Ruhestand“, sagt die gelernte Krankenschwester, die in Pritzwalk aufwuchs. Außerdem sei sie gern auch mal im warmen Süden, ebenso an der Ostsee und für April sei bereits ein Wellnessurlaub geplant.

Langeweile bleibt also auch künftig ein Fremdwort für Ingrid Krüger, der dennoch anzumerken ist, dass der Abschied nicht einfach wird. Tränen stehen ihr in den Augen, wenn sie daran denkt und darüber erzählt. Sie wischt sie weg, lächelt wieder.

„2015 wird unsere Wohnstätte 20 Jahre alt. Das wollen wir natürlich gebührend feiern. Ingrid arbeitet im Vorbereitungskomitee mit“, richtet Anja Stolzki den Blick nach vorn. Da ist Vorfreude angebracht: Es wird sicher eine schöne Feier, wenn „Schwester Agnes“ sie mitorganisiert.

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