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Der Prignitzer

23. September 2017 | 00:35 Uhr

Abflug Richtung Kirchendecke

vom

svz.de von
erstellt am 25.Nov.2011 | 12:04 Uhr

Wenn ein Kind getauft wurde in Malchow in der Uckermark, hatte er seinen großen Auftritt: Der Taufengel. Von der Decke der Kirche schwebte er dann herunter, in den Händen die Schale mit dem Taufwasser haltend. So geschah das gut zweihundert Jahre lang, immer, wenn in dem kleinen Dorf direkt an der heutigen Landesgrenze von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, ein Kind zur Welt gekommen war. Doch dann wurde die Kirche im nördlichsten Dorf des Landkreises baufällig. "1958 wurde unser Gotteshaus aufgegeben", erinnert sich Pfarrer Thomas Dietz. Der Engel lagerte zunächst auf einem Dachboden, später wurde er im Nachbardorf, in Göritz, in der Turmhalle aufgehängt. "Bewußt nicht in der Kirche - denn alle wußten ja: Der Engel gehört nach Malchow", sagt Dietz. "Und irgendwann sollte er dort auch wieder hinfliegen können."

54 Jahre nach Schließung der Malchower Dorfkirche sieht es nun so aus, als sollte sich der Malchower Taufengel so langsam um eine Starterlaubnis bemühen. Denn die Malchower Kirche wurde in den vergangenen Jahren restauriert, und wenn Landesbischof Markus Dröge das Gotteshaus im kommenden Juni wieder einweiht, soll auch der Taufengel dabei sein. Zunächst allerdings ist er zusammen mit fünf weiteren Flügelwesen Teil der diesjährigen Aktion "Menschen helfen Engeln".

Zum dritten Mal rufen die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Verein "Alte Kirchen Berlin-Brandenburg" und das Brandenburgische Landesdenkmalamt dabei zu Spenden für den Erhalt gefährdeter Taufengel auf. "Meistens ist das ja eher so, dass Engel uns Menschen helfen", sagt Pfarrer Dietz. "Um so schöner ist es doch, wenn man das mal umdrehen kann, und einem Engel nun ganz praktisch helfen kann." Dem Malchower Engel sieht man die Jahre auf dem Dachboden dabei zwar an - doch andere Flügelwesen hat es weit schlimmer getroffen: Dem Engel aus Kötzlin im Landkreis Ostprignitz-Ruppin fehlen Flügel, Arme und Taufschale. Dazu ist er von Schimmel und Schädlingen befallen, ganz so wie die Figur aus dem nahe liegenden Segelitz. Und auch die Engel aus Wulkow bei Booßen, Herzberg (Mark) und Zollchow brauchen Hilfe.

Doch die Chancen, dass die Figuren im kommenden Jahr restauriert in ihre Kirchen zurückkehren, stehen gut. Alle zwölf in den vergangenen beiden Jahren mit Postkarten und Plakaten vorgestellten Engel konnten mittlerweile restauriert werden oder sind in Arbeit, erklärte Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises "Alte Kirchen". Denn immerhin 39 000 Euro spendeten Berliner und Brandenburger im Rahmen der Aktion. Und zuweilen übernahmen Einzelpersonen sogar die Komplettrestaurierung, so wie in Rohrbeck im Havelland, wo sich ein Ehepaar spontan in den Taufengel verliebte. So mancher Engel wirkte in den vergangenen Jahren sogar wieder an einem Taufgottesdienst mit. Worüber sich auch die theologische Leiterin des Berliner Konsistoriums, Pröpstin Friederike von Kirchbach, freut. "Taufengel bringen die Mittlerfunktion, die Engel zwischen Gott und den Menschen haben, besonders schön zum Ausdruck", sagt die Theologin. "Die Taufengel zeigen, dass durch die Taufe ein kleiner Mensch ein Kind Gottes wird, und das irreversibel." Und Landeskonservator Prof. Detlef Karg zeigte sich überzeugt, dass "wir bei einer guten Präsentation ihrer Ausstattung unsere Kirchen neu verstehen und ihre Spiritualität erkennen können."

Auch Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) würdigte zum Start der Spendenaktion das gemeinsame Engagement von Kirche und Denkmalschutz für "gefallene und ramponierte Engel". Schon vor der 2009 erstmals gestarteten Aktion "Menschen helfen Engeln" habe man mit Postkarten auf den schlechten Zustand vieler Taufengel aufmerksam gemacht. Taufengel seien besonders wertvolle Ausstattungsstücke märkischer Dorfkirchen und ein anrührendes Zeichen der Volksfrömmigkeit, so die Ministerin. "Heute können sich Menschen einen eigenen Engel aussuchen - und zugleich ist das die letzte Rettung für manche Figur." So wie für den Engel aus Malchow, dem nördlichsten Dorf des Landkreises Uckermark - dessen Starterlaubnis Richtung Kirchendecke in diesen Tagen freilich immer näher rückt.

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