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Der Prignitzer

26. September 2017 | 04:10 Uhr

Abendstimmung mit Klapper-Konzert

vom

svz.de von
erstellt am 28.Jun.2013 | 07:00 Uhr

Rühstädt | Es ist ein lauschiger Sommerabend. Die Sonne spendet noch immer Licht und Wärme, es ist ruhig geworden auf den kleinen Straßen, die sich durch den Ort winden. Dafür klappert es auf den Dächern um so lauter.

Storchenfeierabend in Rühstädt: Obwohl, das mit dem Feierabend ist nicht so wörtlich zu nehmen, denn Meister Adebar und Gattin haben alle Flügel und Schnäbel voll zu tun, um die Jungen in den Horsten mit Futter zu versorgen. Das Elbhochwasser ist ihnen dabei allerdings entgegen gekommen, sie finden jetzt schon in der näheren Umgebung reichlich Frösche und anderes Schmackhaftes. Aber schließlich sind auch über 60 Jungstörche zu versorgen, strecken ihre Schnäbel nach oben, plustern auch schon mal ihr noch flauschiges Gefieder, schwingen die Flügel, als wollten sie schon erste Flugversuche unternehmen.

Gemeinsam mit Jürgen Herper, nicht nur als Mitarbeiter der Naturwacht ein profunder Storchenkenner, sondern auch als Rühstädts Bürgermeister, begeben wir uns auf Storchenwanderung, erfahren, dass dieses ein außergewöhnlich gutes Storchenjahr in Rühstädt ist, 129 Langschnäbel inklusive Nachwuchs für Leben in den Horsten sorgen. Der älteste Horst befindet sich übrigens auf dem 1883 erbauten Wasserturm. "Seit dieser Zeit weiß man auch in etwa, wie viele Störche nach Rühstädt kommen", erzählt Jürgen Herper. Beringt wurden sie damals noch nicht. "Das erfolgte erst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wurde während des Krieges aufgegeben. Aber seit Anfang der 1970-er Jahre werden die Störche durchgehend beringt." Anhand dieser Ringe lassen sich die Adebare wieder erkennen, lässt sich ihre Reiseroute zwischen dem Winterquartier im fernen Afrika und dem Prignitzer Sommersitz verfolgen und manches mehr.

Wir verfolgen an diesem Abend aber lieber das Familienleben in den Horsten, sehen, dass manches Nest schon mächtige Höhenmaße angenommen hat. Ohne menschliches Eingreifen vor der Saison im Frühjahr könnte das gefährlich werden, der eine oder andere Dachstuhl das Horstgewicht nicht mehr tragen, zumal ja nicht wenige Gebäude gleich mehrere Nester beheimaten. Also steigen die fleißigen Helfer vom Rühstädter Storchenclub auf die Dächer und bringen alles in Ordnung, bevor die Adebare die Nester beziehen. Ein aufwändiges Unterfangen, aber notwendig, wie Jürgen Herper betont. Denn zugleich tun die Storchenclub-Enthusiasten etwas dafür, dass Regenwasser abfließen kann, die Brut nicht ertrinkt bei zu ergiebigen Niederschlägen.

In einer aufwändigen Aktion sorgten die Rühstädter in den 1990-er Jahren auch gemeinsam mit der Wemag dafür, dass die Stromversorgungskabel alle in der Erde verschwanden, das muntere Storchenleben im Dorf nicht mehr behinderten oder gar gefährdeten. Ein wichtiges Argument dafür, dass Rühstädt 1996 von der Stiftung Europäisches Naturerbe den Titel "Europäisches Storchendorf" verliehen bekam. "Wir sind bislang die einzigen in Deutschland, die diesen Titel tragen", erzählt der Bürgermeister nicht ohne Stolz. Und er fügt gleich hinzu, dass unter den Europäischen Storchendörfern Rühstädt vom Storchenreichtum her Rang drei belegt.

Gewichtiger Boden also, auf dem wir uns bewegen, Dank einer eingeschworenen Gemeinschaft: Einwohner, viele von ihnen auch Mitstreiter im Storchenclub, Naturwacht und ansässige Landwirte. Letztere sorgen beispielsweise dafür, dass das reichhaltige Storchen-Bufett, dass die Elbniederung schon von Natur aus bietet, durch entsprechenden Anbau noch unterstützt wird. Die Langbeine bedanken sich dafür mit dem Besucheransturm, den sie jedes auf sich und damit in den Ort ziehen. Von diesem Tourismus lebt wiederum die Region.

Dieser Tage ist es aber eher etwas ruhig. Das Elbhochwasser mit den Überschwemmungen, tagelang gesperrten Deichen und Straßen hat die Besucherströme in andere Richtungen gelenkt. Nur ganz allmählich stellen sich wieder Touristen ein. Dabei ist gerade jetzt die schönste Zeit, um auf Entdeckungstour in Sachen Störche zu gehen, die Zeremonie zu erleben, mit der sich die Elternpaare auf dem Horst begrüßen, wenn der eine mit dem Futter zu den Jungen kommt, die der andere so lange bewacht hat. Nicht mehr lange geschieht das im Wechsel, weiß Jürgen Herper. Schon bald müssen beide Elternstörche auf Futtersuche gehen, um den heranwachsenden und immer hungriger werdenden Nachwuchs ausreichend zu versorgen. Das damit verbundene Klappern ist bis in den späten Abend zu hören.

Wir nähern uns allmählich dem alten Speicher, von dessen extra für die Storchenbeob achtung errichteten Balkon aus wir einen guten Blick in einige der Nester haben. Zuvor bewundern wir aber die zahlreichen, mit viel Liebe angelegten Bauerngärten, wohl ahnend, wie viel Arbeit sich hinter dieser jahrhundertealten Tradition verbirgt. Jahrhundertealt ist auch so manches Rühstädter Gebäude. Das älteste dürfte das Ernhaus von 1654 sein, wie uns der Bürgermeister erklärt. Doch auch das Kossätenhaus steht schon seit 1750. Ein Dorf also nicht nur mit Störchen, sondern auch mit Geschichte, die gepflegt, für den Besucher an so manchen Informationstafeln nacherlebbar wird.

Doch nun steigen wir die Holzstufen im Speicher empor und blicken schon wenig später per Fernglas oder Teleobjektiv in die Storchen-Kinderstube. So ein bisschen fühlen wir uns wie Voyeuristen. Aber die Adebare scheint unsere Anwesenheit nicht zu stören. Sie sind mit sich beschäftigt, fressen oder putzen sich oder halten mal kurz das Hinterteil übers Nest, hinterlassen weiße Kotspuren auf den Dächern. Und nicht nur dort. Wenn es besonders heiß ist, dann, so erklärt uns Jürgen Herper, bekoten sie auch ihre Beine, sozusagen als Sonnenschutz. Von unserem Standpunkt aus können wir das gut erkennen. Noch ein Blick im letzten Tageslicht, dann müssen wir Abschied nehmen von den Langbeinen, aber mit der Gewissheit, dass wir uns an dieses einmalige Erlebnis noch lange erinnern werden.

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