Bombensprengung in Breese : Ab 13.40 Uhr bebte die Erde

Unser Leser René Möhring hat die Explosionen über den Wittenberger Dächern festgehalten. Fotos: Reik Anton/Carlo Ihde/Hanno taufenbach
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Unser Leser René Möhring hat die Explosionen über den Wittenberger Dächern festgehalten. Fotos: Reik Anton/Carlo Ihde/Hanno taufenbach

Bomben-Sprengung gestern am Rande von Wittenberge. Diese große Zahl von Bomben an einer Räumstelle war in Brandenburg einmalig

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31. März 2016, 20:45 Uhr

Mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden vor allem im Nachbarland Brandenburg noch immer Bomben, Granaten und Munitionsreste entdeckt. Allein 2015 wurden in Brandenburg mehr als 200 Tonnen Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg vernichtet, darunter 25 000 Granaten, 800 Brandbomben und 120 Sprengbomben. Heute gab es unweit der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern eine spektakuläre Bomben-Sprengung.

Drei, zwei, eins, Zündung: Zwölf Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg sind gestern nahe des Sportplatzes in Breese am Rande von Wittenberge im Sekundentakt gesprengt worden. In dem Dorf mussten deshalb 720 Einwohner im Umkreis von einem Kilometer um den Fundort am Morgen ihre Wohnungen verlassen. Auch einige kleine Betriebe mussten ihre Arbeit für mehrere Stunden einstellen. Die mit chemischen Langzeitzündern versehenen Blindgänger konnten laut Feuerwehr nicht entschärft werden.

Die Sprengsätze amerikanischer Bauart waren bei Erdarbeiten an einer Straße in einem Waldstück entdeckt worden. Bei den Blindgängern in Breese handelte es sich um zehn 500-Kilo-Bomben und ein Ein-Tonnen-Exemplar. Eine weitere 500-Kilo-Bombe war nur noch zur Hälfte vorhanden – aber voll mit Sprengstoff. Auch Kleinmunition fanden die Bergungs-Experten.

Zwischenfälle gab es nicht, informierte Gerd Fleischhauer, Truppführer beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg. „Es war ein hartes Stück Arbeit. Aber es lief nach Plan.“ Das Anbringen der Zünder habe mehrere Stunden gedauert und war ein Wettlauf gegen die Uhr. Denn das Zeitfenster für die Sprengung betrug nur zehn Minuten. Zwischen 13.40 und 13.50 Uhr fuhr kein Zug auf der Bahnlinie Wittenberge-Berlin. Wäre bis dahin nicht alles vorbereitet gewesen, hätte sich die Sprengung um mindestens eine Stunde verzögert.

Zwölf Bomben auf einmal zu sprengen, war selbst für den erfahrenen Experten eine außergewöhnliche Situation: „Ich kann mich an keine vergleichbare erinnern, auch nicht in Oranienburg.“

Die Kraft der Detonationen wurde deutlich, als die Mitarbeiter der Munitionsbergungsfirma Röhll an einem umgekippten, etwa 20 Meter langen Laubbaum standen. „Den hat die Sprengung komplett entwurzelt und mehrere Meter durch die Luft geschleudert“, so Mitarbeiter Henry Konstantin.

Die Detonationen ließen die Erde beben. Bis in die Wittenberger Innenstadt waren die Erschütterungen zu spüren, Staubwolken stiegen über den Dächern auf. „Da wirken unglaubliche Kräfte“, so Chris Balke von der Firma Röhll. Henry Konstantin fügte an: „Wenn man hier arbeitet, denkt man immer wieder daran, wie schrecklich es damals im Krieg gewesen sein muss.“

Schon im Vorfeld hatte Fleischhauer erklärt, dass diese Masse an Bomben für eine Räumstelle einzigartig sei. Das hatte bei Bürgermeister Werner Steinkopf den Puls höher schlagen lassen. „Na klar bin ich jetzt erleichtert“, sagt er nach der letzten Detonation. „Die Entscheidung, alle Bomben nacheinander an einem Tag zu sprengen, war richtig. Alles andere hätte bedeutet, den Sperrbereich und damit auch die Evakuierung an mehreren Tagen anzuordnen. Dies wollten wir weder den Bürgern noch den Verantwortlichen zumuten.“ Es habe keine Klagen gegeben, keine Verzögerungen bei der Evakuierung gestern früh.

Erhard Schilling, der neben zwei Asylbewerber-Familien als einziger die Notunterkunft in Groß Breese nutzte, hatte 1945 als siebenjähriger Junge miterlebt, wie die Bomben abgeworfen wurden. Besonders heftig sei der Angriff im Bereich des Delphin-Bades gewesen. „Da hat unser Haus in der Wilhelmstraße gebebt“, erinnert er sich. Nach dem Krieg hätte er zusammen mit anderen Kindern zwischen den Trichtern gespielt und sogar Granaten in die Hand genommen.

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