Braunkohletagebau : Der Riss geht mitten durch Welzow

Ein Eimerkettenbagger trägt Erde über der Braunkohle im Braunkohletagebau Welzow-Süd der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) ab.  Fotos: dpa/Patrick Pleul
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Ein Eimerkettenbagger trägt Erde über der Braunkohle im Braunkohletagebau Welzow-Süd der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) ab. Fotos: dpa/Patrick Pleul

Die Stadt liegt an einer Braunkohlegrube. Wann das Ende der Kohleverstromung kommt, ist ungewiss – die Menschen gehen unterschiedlich damit um.

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04. Januar 2019, 12:00 Uhr

Der tägliche Weg zu seinem Arbeitsplatz ist für Stefan Gaebel holprig. Mit Kollegen sitzt er immer zu Schichtbeginn in einem Mannschaftstransportwagen, der über Sandhügel und durch tiefe Spurrillen steuert. Nach der Fahrt durch das unwegsame, einsame Gelände ohne Straßen im Süden Brandenburgs ist er am Ziel: Der 36-Jährige befindet sich in einer Braunkohlegrube in rund 45 Metern Tiefe.

Ein riesiger Bagger steht in dem Tagebau. Der Bagger ist 243 Meter lang und 63 Meter hoch. Das immense Schaufelrad räumt im Lausitzer Braunkohlerevier Sand und Erde beiseite – in der Fachsprache heißt dieser Grubenbereich Vorschnitt. Die Arbeiter wollen auf das stoßen, was der Region seit mehr als 150 Jahren Arbeitsplätze und Auskommen bringt – Braunkohle. Gaebel arbeitet auf dem Bagger an einer Verladestelle, wo die weggeschaufelte Erde auf ein Förderband fällt. Er fühlt sich wohl, seinen Job mag er.

Braunkohle in Welzow

Die kleine Stadt Welzow mit rund 3500 Einwohnern, in der Gaebel seit Kindheitstagen lebt, liegt in direkter Nachbarschaft. Viele Einwohner arbeiten „in der Kohle“, wie sie es selbst bezeichnen. Sie sind stolz auf ihren Beruf. Die Industriejobs sind gut bezahlt. „Wir sind besonders von der Braunkohle geprägt“, sagt Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold. Vom stärksten Industriezweig in der sonst strukturschwachen ostdeutschen Gegend leben nicht nur die Kohlekumpel. Auch Handwerksbetriebe und Dienstleister seien auf die Aufträge des Tagebaubetreibers angewiesen, zum Beispiel der Erd- und Rohrleitungsbau, Maler-, Heizungs- sowie Sanitärfirmen und viele Unternehmen mehr, ergänzt Zuchold.

Doch gerade, dass Welzow so stark an dem fossilen Energieträger hängt, bringt seit Jahren zugleich Unsicherheit in die kleine Stadt. Die Bundesregierung plant aus Klimaschutzgründen schrittweise aus dem Verstromen von Kohle – also Braun- wie Steinkohle – in Deutschland auszusteigen. Wann genau Schluss sein soll, ist aber noch offen. Braunkohle ist wegen des hohen Kohlendioxid-Ausstoßes beim Stromerzeugen klimaschädlicher als andere Energieträger. Gut 22 Prozent der Bruttostromerzeugung in Deutschland entfielen, so rechnet das Bundeswirtschaftsministerium vor, 2017 auf die Braunkohle.

Was würde eine ganz abrupte Abkehr für die Stadt bedeuten? Grubenarbeiter Gaebel antwortet kurz und knapp: „Welzow würde aussterben. Viele würden wegziehen.“ Eine vom Bund eingesetzte Kommission – der Name: „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ – arbeitet seit Monaten an Ideen, wie ein Strukturwandel gelingen kann und wie alternative Jobs in den großen Braunkohlerevieren im Rheinland, in der Lausitz und in Mitteldeutschland entstehen können.

"Leute brauchen Lebensperspektiven"

Der Revierplan des Lausitzer Tagebaubetreibers Leag mit vier Gruben in Brandenburg und Sachsen reicht eigentlich noch bis in die 2040er Jahre. Spricht man Welzower auf die Kohlekommission an, zeigen sich viele verärgert. Sie haben den Eindruck, dass die Braunkohle ein Prügelknabe sei und in anderen Bereichen - wie Verkehr - zu wenig für den Klimaschutz getan werde.

Bürgermeisterin Zuchold fordert für den Wandel finanzielle Hilfen für Welzow. „Die Leute brauchen Lebensperspektiven, und die Leute möchten gerne wissen, wie sie ihre Zukunft gestalten können“, sagt sie. Die Menschen in der ostdeutschen Region haben schon einmal erlebt, was Strukturbruch bedeutet. Zehntausende verloren nach der Wende ihren Job in der Braunkohlenindustrie. Tagebau um Tagebau aus DDR-Zeiten wurde dicht gemacht.

Zur Wendezeit im Jahre 1989 gab es im Lausitzer Revier noch fast 80 000 Beschäftigte, wie Daten des Vereins „Statistik der Kohlenwirtschaft“ zeigen. Innerhalb von zehn Jahren sank die Zahl auf unter 10 000. Viele mussten umschulen, neue Berufe erlernen oder waren arbeitslos. So etwas sitzt tief. Heute arbeiten in den vier Gruben und mehreren Braunkohle-Kraftwerken in der Lausitz noch rund 8000 Menschen. Wie groß die Kluft zwischen Braunkohlegegnern und -befürwortern in Deutschland ist, lässt sich auch in Welzow erleben. Denn längst nicht alle in der Stadt sind für die Kohle. Das hat mit einer zweiten Unsicherheit zu tun, die seit Jahren umgeht.

Er will nicht weg von hier

Im Welzower Ortsteil Proschim – einem eingemeindeten Dorf – bangen Einwohner um ihre Häuser. Um ihre Heimat. Wenn der angrenzende Tagebau einmal erweitert werden sollte, müsste das Dorf abgebaggert werden und die Menschen müssten umsiedeln. Der Tagebaubetreiber will bis 2020 entscheiden, ob der Abbau um den Teilabschnitt II erweitert wird. Im jetzigen Teilabschnitt I wird es voraussichtlich Mitte der 2030er-Jahre keine Kohle mehr geben. Bis zur Entscheidung hängen die Proschimer in der Luft.

Martin Schröer ist Proschimer. Er will nicht weg von hier. Der 54-Jährige lebt seit 1995 mit seiner Familie in dem Dorf, hat auch dort das Büro seiner Heizungs- und Sanitärfirma. Proschim ist seine Heimat, wie der 54-Jährige sagt. Fast alles bauten sich die Schröers selbst auf. Martin Schröer blickt von seinem Wohnhaus auf ein weites Feld. Den Sonnenuntergang beobachtet er besonders gern. „Da gibt es zahllose Fotos von“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Im Hintergrund sind Windkrafträder zu sehen. Für Schröer ist es ein Unding, dass in Zeiten des Klimawandels noch Braunkohle gefördert wird.

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