8.05 Uhr: Das große Fliegen beginnt

So sieht es aus, wenn Tausende Brieftauben zum Start ansetzen: Ein imposanter Anblick, den man nicht alle Tage geboten bekommt.
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So sieht es aus, wenn Tausende Brieftauben zum Start ansetzen: Ein imposanter Anblick, den man nicht alle Tage geboten bekommt.

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15. Mai 2013, 05:46 Uhr

Wittenberge | "Gut, ich weiß Bescheid. Start ist dann um 8 Uhr." Der Wittenberger Hans-Christof Grün telefoniert mit einem Mann im 350 Kilometer entfernten Stargard. Dieser Mann ist Brieftaubenzüchter, sitzt in diesem Moment am Computer, hat die Witterungsbedingungen gecheckt, sich per Handy mit seinen Vereinskollegen über Temperatur- und Windverhältnisse hier in der Stadt abgestimmt. Von ihm und seinen Recherchen hing gestern früh das Startsignal für genau 6310 Brieftauben im Gewerbegebiet an der B 189 ab.

Es war fast noch Nacht, als die Polen gestern mit zwei Expressen - so nennen die Züchter die Laster mit den Taubenkäfigen- ins Gewerbegebiet rollten, sich dort positionierte, um auf das Startkommando zu warten. Von Wittenberge aus müssen die Vögel nicht nur den Weg in den heimischen Schlag finden, sondern die Hunderte Kilometer auch möglichst schnell bewältigen. "Bei Rückenwind würden die Tiere vielleicht drei Stunden brauchen. Wir haben aber ziemlich starken Kantenwinden, dann kann es schon bis zu einer Stunde länger dauern", sagt Hans-Christof Grün.

Der Mann muss es einfach wissen. Denn seit 1954 züchtet er selbst Brieftauben, ist Vorsitzender des hiesigen Regionalvereins. Als solcher war er gestern früh auch im Gewerbegebiet gefragt. Mit seiner Unterschrift und seinem Stempel bescheinigt er die Uhrzeit, zu der die Züchter ihre Tauben aufgelassen, so das Fachwort, haben. Noch gurren die Tauben in den Boxen leise vor sich hin. Ansonsten ist es hinter den Rollladen der Laster ruhig. Das ändert sich schlagartig, als die Züchter anfangen, die Jalousien an den Wagen hoch zu drehen. Es ist 8.05 Uhr. Das große Fliegen beginnt. Tauben drängen nach draußen, schlagen wild mit den Flügeln, steigen steil in den Himmel. Alles ist eine Sekundensache. "Ein super Start", sagt Grün. Sein Blick schweift suchend über den Horizont. Über Weisen sind im strahlend blauen Morgenhimmel unzählige dunkle Punkte zu erkennen: Die Brieftauben sind auf dem direkten Weg nach Hause. "Die Vögel verfügen über ganz erstaunliche Fähigkeiten", sagt der Wittenberger Züchter und erklärt, dass sich die Tauben schon im Lkw-Express orientiert hätte, "in welcher Richtung ihr Zielgebiet liegt". Dorthin fliegen die Vögel gemeinsam im Schwarm, der sich erst kurz vor den heimischen Gefilden auflöst.

Auch Hans-Christof Grün fährt mit seinen Tauben - knapp 60 hat er im Schlag - über viele Kilometer weit, um sie an Wettflügen teilnehmen zu lassen.Davon erzählt er und davon, dass die Tauben für die langen Flüge immer wieder trainieren müssen, um die Muskeln auszubilden. "Die Ernährung muss stimmen und natürlich schicken wir nur top gesunde Vögel auf die langen Touren", betont Grün.

Zu Pfingsten wird ein Tauben-Express aus der Prignitz übrigens nach Gorzów Wielkopolski (Polen) fahren, und dort Tiere von hiesigen Züchtern aufsteigen lassen. "Wir hoffen immer, dass alle gut und schnell wieder nach Hause kommen", sagt Grün. Er selbst hat zu Pfingsten wieder einen Einsatz im Gewerbegebiet an der B 189. Zuchtkollegen aus Chodzie haben sich angesagt, wollen dort ihre Tauben auflassen. Der Wittenberger wird wieder als Zeuge benötigt.

Das Gewerbegebiet an der Bundesstraße ist ein beliebter Auflassplatz für Brieftauben, weiß Grün aus Erfahrung. "Die Lage ist einfach gut. Es gibt keine Hochspannungsmasten in der Nähe und auch keine Wald. Der wäre wegen der Greifvögel nicht gut", erklärt er.

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