60 Jahre und kein bisschen leise

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24. Mai 2013, 08:52 Uhr

Bernau | Kuchen backen, die Festtafel decken - so sehen gewöhnlich die Vorbereitungen auf einen 60. Geburtstag aus. Marianne Buggenhagen ist aber keine gewöhnliche Frau. Ganz und gar nicht. Die Ausnahme-Behindertenathletin verbringt deshalb den Tag vor ihrem 60. Geburtstag dort, wo sie sich am wohlsten fühlt - auf dem Sportplatz. Von einer Sportler-Rente will die gebürtige Ueckermünderin nichts wissen. Im Juli peilt sie eine Medaille bei den Weltmeisterschaften in Lyon an. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Grande Dame des Behindertensports sich jedoch zunächst für die Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) Mitte Juni in Berlin qualifizieren.

Der Weg dorthin führt über die Berlin-Brandenburg Leichtathletik-Meisterschaften in Königs Wusterhausen am heutigen Samstag, wo sie im Kugelstoßen und Diskuswerfen antritt - da bleibt kein Platz für ausufernde Geburtstagsvorbereitungen. Groß gefeiert wird dennoch. Rund 80 Gäste hat Buggenhagen für Sonntag zur Party in das Wald-Solar-Heim in Eberswalde eingeladen.

Dann wird sicherlich auch wieder viel über die Ausnahme-Karriere der querschnittsgelähmten Spitzensportlerin gesprochen. 53 Medaillen hat sie bisher bei internationalen Meisterschaften gewonnen - 35-mal Gold. Alle hat ihr gleichfalls querschnittsgelähmter Ehemann Jörg auf Mariannes Internetseite akribisch aufgelistet.

Neunmal hat Marianne Buggenhagen, die Anfang der 1970er nach einer Sichtung in der Schule zu den Dynamo-Volleyballerinnen in die Hauptstadt "delegiert" wurde, Paralympics-Gold gewonnen. Ihre Premiere bei den Olympischen Spielen der Behindertensportler gab sie 1992. Da saß sie bereits 16 Jahre im Rollstuhl, nachdem 1976 ein Arbeitsunfall während der Krankenschwester-Ausbildung in Buch eine aufsteigende Querschnittslähmung ausgelöst hatte.

Sie wehrte sich lange gegen den Rollstuhl - sogar einen Suizidversuch unternahm sie. "Als ich begriff, dass der Rollstuhl statt Qual Lebensqualität bedeutete, war das wie ein zweiter Geburtstag", sagt sie heute. Der Sport spielte dabei eine zentrale Rolle. "Er hat mein Leben auf faszinierende und spannende Weise bereichert, und deshalb kann ich ihn auch nicht loslassen."

Der Ehrgeiz stachelt sie an. "So la-la kann ich nicht, entweder ganz oder gar nicht. Es wäre widersinnig, aufzuhören, weil das ein bestimmtes Alter angeblich vorschreibt. Solange keiner über mich lacht, ich um Medaillen mitkämpfe, bin ich dabei", meint Marianne Buggenhagen.

Schon zu DDR-Zeiten probierte sie fast alle Sportarten aus, sammelte rund 130 Meistertitel. 1986 startete sie sogar illegal in der Bundesrepublik in Bad Krautheim, zitterte, als das ZDF Bilder davon im Fernsehen zeigte. Erst mit der Wende öffnete sich die Welt für Buggenhagen - auch sportlich. 1990 nahm die DDR erst- und letztmals an einer WM teil. Buggenhagen gewann auf Anhieb drei Titel. Danach folgte Sieg auf Sieg, Medaille auf Medaille. 1994 wurde sie Deutschlands "Sportlerin des Jahres" - vor Steffi Graf und Franziska van Almsick. Im vergangenen Jahr erlebte sie in London ihre sechsten Paralympics. Silber im Kugelstoßen brachte sie mit nach Hause. Den Start in Rio 2016 schließt sie nicht aus, zumal ihre Lieblingsdisziplin Diskuswerfen wieder im Programm ist.

Eigentlich hatte sie nach Peking 2008 aufhören wollen, weil permanente Regelkorrekturen ihrer Meinung nach keinen fairen Wettkampf mehr zuließen. "Wozu weitermachen, wenn dir keine Chance gelassen wird", fragte sie, wollte sich dann aber "doch nicht einfach so von dannen schleichen". Zwei Behinderten-Schulen tragen ihren Namen, auch denen fühlt sie sich verpflichtet.

Marianne Buggenhagen geht unverkrampft und offen mit der Integration von "Fußgängern" (Nicht-Behinderte) und Behinderten um. Scherzhaft sagt sie: "Ich bin doch nur eine kleine Kaputte." Ihr Trainer Ralf Otto korrigiert das mit einem Lächeln: "Marianne ist mit Trotz, Kampf und Leidenschaft unkaputtbar." Es sind ihre Art, ihr Wesen und ihr Charakter, die sie zur außergewöhnlichen Persönlichkeit machen und die in vielen Auszeichnungen Ausdruck finden. Das Silberne Lorbeerblatt, der Verdienstorden Berlins oder der Preis für Toleranz und Fairplay im Sport sind nur einige Würdigungen.

60 Jahre und kein bisschen leise - das trifft auf Marianne Buggenhagen nicht nur sportlich zu, sondern im ganz direkten Sinne auf ihren Einsatz für die Inklusion, die echte Teilhabe Behinderter am gesellschaftlichen Leben. "Meine Position als medial wahrgenommener Sportler gibt mir die Chance, meine Meinung zu wichtigen Dingen zu sagen, die Behinderte betreffen. Das werde ich tun, solange ich kann."

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