Wohlverdienter Ruhestand : 37 Jahre ging es für sie in die Schule

Für Ingrid Hintze (l.) endet jetzt die Schulzeit. 37 Jahre war sie im Sekretariat der Rolandschule die gute Seele. Ihre Aufgaben übernimmt nun Karina Driesel (r.).
Für Ingrid Hintze (l.) endet jetzt die Schulzeit. 37 Jahre war sie im Sekretariat der Rolandschule die gute Seele. Ihre Aufgaben übernimmt nun Karina Driesel (r.).

Für Ingrid Hintze, die gute Seele im Sekretariat der Rolandschule, beginnt am 1. Januar der Ruhestand

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28. Dezember 2016, 08:00 Uhr

Seit dem 1. Januar 1979 ging es für Ingrid Hintze jeden Tag wieder in die Schule. Von Hause aus gelernte Handweberin suchte sie damals in Perleberg Arbeit. „Die Kinder waren klein und täglich nach Wittenberge zur Arbeit, Sonderschichten am Sonnabend oder länger machen, denn die Norm musste geschafft werden “ – irgendwann zog die junge Mutti die Reißleine, nahm all ihren Mut zusammen und klopfte im Rathaus an die Tür. Eine nach der anderen machte sie auf, bis sie ganz oben im Haus hereingebeten wurde. In der Abteilung Volksbildung suchte man gerade eine Schulsekretärin für die damalige POS II „Hans Beimler“, heute Rolandschule. „Wie im Märchen kam mir das vor“, erinnert sich die heute 65-Jährige.

„Am ersten Arbeitstag schlug das Herz bis zum Hals vor Aufregung und auch aus Angst vor der eigenen Courage“, gesteht sie. Sie hatte zwar an der Volkshochschule Schreibmaschinenkurse absolviert, doch was als Schulsekretärin auf sie zukam, davon habe sie keine rechte Vorstellungen gehabt. „Sie schaffen das schon.“ Mit diesen Worten wurde sie freundlich empfangen. Als bald hatte sie eine Kollegin zur Seite. Zwei Seiteneinsteiger, die fortan in die Schule kamen, zum Arbeiten und zugleich zum Lernen.

An die 1200 Mädchen und Jungen besuchten damals die Schule, wurden in mehreren Häusern unterrichtet, unter anderem in der jetzigen Förderschule und im Wallgebäude. „Es war damals die größte Schule im Kreis“, ergänzt Ingrid Hintze. Um- und ausgebaut wurde ständig. Der Schulhof wurde befestigt, im Keller wurden Toiletten neu eingerichtet. Das eigentliche Toilettengebäude wurde zum Kulturraum mit Essensausgabe umgebaut, im Ziegelhof entstand eine neue Turnhalle. „Irgendwo war immer eine Baustelle“, erzählt die Perlebergerin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin waren sie die guten Seelen der Schule. Nach zehn Jahren managte Ingrid Hintze dann alles alleine. Montags und dienstags war ihr Sekretariat die Essenmarkenausgabe, gaben sich die Eltern hier die Klinke in die Hand. Vom Namen her kannte Ingrid Hintze fast jeden Schüler, nur welches Gesicht dazu gehörte, das musste sie manchmal überlegen.

Essenmarken gibt es schon lange nicht mehr bei der Schulsekretärin, doch die Arbeit sei nicht weniger geworden, auch mit moderner Technik nicht. Dabei konnte sich die Perlebergerin damals gar nicht vorstellen, dass auch an der Schule Computer einmal das Normalste von der Welt sein werden. „ Anfangs aber nicht unbedingt meine Welt“, gesteht sie lachend. Doch als bald war ein Schüler nur versetzt, wenn das auch im Versetzungsprogramm registriert war.

37 Jahre war Ingrid Hintze der Anlaufpunkt in der Rolandschule. Eltern meldeten ihre Sprösslinge krank, wollten einen Termin bei der Schulleitung oder eine Schulbescheinigung, Handwerker standen in der Tür, weil was zu Bruch gegangen war, der Kopierer zeigte mal wieder Papierstau an, die Statistik musste gemacht werden, Lehrer warteten auf die Schülerlisten, Schüler, denen schlecht war, darauf, dass sie abgeholt wurden und das abgeschürfte Knie auf ein Pflaster. Dazwischen klingelte das Telefon, oder war es die Türsprechanlage?

In den Pausen ging es im Sekretariat zu wie im Taubenschlag. Mit ihrem „guten Tag“ versuchte Ingrid Hintze dem Schulalltag etwas die Hektik zu nehmen. „Die wird mir gewiss jetzt auch einwenig fehlen“, räumt sie offen ein. Im Hort werde sie sicher ab und an mal vorbei schauen, „ansonsten ist die Schulzeit nun aber für mich beendet“, sagt sie lachend. Unter fünf Schulleitern arbeitete sie, „und das sehr gern“. Mit ihren Kolleginnen in den Sekretariaten der anderen Schulen war es all die Jahre ein tolles Miteinander. Sie sei gerne in die Schule gegangen – morgens mit einem Plan im Kopf, was alles zu machen ist, der an der Tür zum Schulsekretariat dann manchmal von den Ereignissen überrollt wurde.

„Jetzt freue ich mich auf die Zeit ohne Plan und auf meine Enkelkinder.“ Auch wenn sie ganz bestimmt nicht fliegen oder über die Meere schippern werde, reisen wolle sie. „Zwischen Ostsee und Gebirge gibt es genug zu entdecken.“  

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