Praxis sucht Arzt - oftmals vergeblich

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11. April 2010, 07:13 Uhr

Parchim/Schwerin | Um acht Uhr, so steht es am Aushang, beginnt Brigitte Frenzel mit ihrer Sprechstunde. Der erste Patient nimmt an diesem Morgen 20 Minuten früher im Behandlungsraum Platz. "Das ist normal. Manche sind schon um 7.15 Uhr da", erzählt die Allgemeinmedizinerin. "Ich bin jetzt mehr als 30 Jahre hier und mir macht die Arbeit als Landärztin immer noch Spaß. Aber jetzt muss ich doch ans Aufhören denken", sagt Brigitte Frenzel. Im Juli hat sie ihren 65. Geburtstag, im Dezember wird sie ihre Praxis aufgeben und - weil sich trotz Suche bislang kein Nachfolger fand - vielleicht für immer schließen.

So wie Brigitte Frenzel suchen immer häufiger Mediziner vergeblich einen Nachfolger. Bundesweit stehen derzeit mehr als 2000 Hausarzt-Praxen leer. Am größten sind die Lücken in ländlichen Regionen. In Mecklenburg-Vorpommern sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung knapp 120 der 1100 Hausarztstellen vakant. In den Kliniken im Nordosten fehlen demnach weitere 200 Mediziner. Und die Situation wird noch dramatischer, weil etwa ein Drittel der Ärzte im Nordosten bis 2015 in Pension geht.

Ob sich der Negativtrend durch die jüngsten Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) stoppen lässt, zweifeln Betroffene und Verbandsfunktionäre in MV eher an. Rösler will den Numerus Clausus in der Medizinerausbildung abschaffen und eine bestimmte Quote von Studienplätzen für angehende Mediziner reservieren, die sich verpflichten, nach dem Studium aufs Land zu gehen. "Da gibt es immer eine Begründung, wieder rauszukommen. Das ist Humbug", meint Frenzel. Nach Ansicht der Kassenärzte-Vereinigung (KV) ist vielmehr die überbordende Bürokratie in Arztpraxen Grund für die zunehmend schlechte medizinische Versorgung auf dem Lande.

"Es liegt nicht am Geld und nicht an zu wenig Studenten, dass wir kaum noch junge Leute gewinnen können, als Hausarzt zu arbeiten. Es ist der Wust an Bürokratie", betont der Chef der Nordost-KV, Wolfgang Eckert. Auch Frenzel fühlt sich durch die Sparvorgaben der Kassen gegängelt: "Alles muss genau aufgeschlüsselt und dokumentiert werden. Das raubt Zeit und Nerven." Und anders als Eckert sieht sie auch finanzielle Aspekte: "Ärzte im Osten werden immer noch schlechter bezahlt als ihre Kollegen im Westen."

Doch nach Erfahrung der Ersatz-Krankenkassen (vdek) reicht selbst eine sehr gute Honorierung nicht aus, um Bewerber etwa für Vorpommern zu gewinnen. "Weiche Faktoren" würden an Bedeutung gewinnen, erklärt der Leiter der vdek-Landesvertretung, Karl Nagel. Arbeitsmöglichkeiten für Ehepartner zum Beispiel, Kinderbetreuung, Schulen sowie sonstige kulturelle und soziale Strukturen.

Der Befund des Greifswalder Gesundheitsforschers Wolfgang Hoffmann lautet: "Das bestehende System kann die Herausforderungen der Zukunft nicht lösen." Er fordert mehr staatliche Verantwortung, Planung und Regulierung.

Brigitte Frenzel und dem Dorf Spornitz hilft dies aktuell nicht. Sie muss sich wohl damit abfinden, dass sie - wie ihre Kollegin im nahen Friedrichsruhe ohne Nachfolger in den Ruhestand geht. "Das wäre für viele Menschen hier, die oft schon älter und nicht mehr so mobil sind, sehr bitter. Außerdem nehmen Ärzte in Parchim wegen Überlastung schon keine neuen Patienten mehr auf."

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