Plötzlich war Goldberg in Kundus

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02. Januar 2010, 08:37 Uhr

parchim | "Unsere Soldaten in Afghanistan fordern zu Recht mehr Unterstützung in ihrer Heimat." Das ist die Botschaft, die die Bundestagsabgeordnete Karin Strenz (CDU) aus Kundus und Mazar-e-Sharif mitbringt. Die Sehlsdorferin - sie ist Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages - hatte die Weihnachtswoche bei den ISAF-Truppen verbracht.

"Ich habe doch die Pflicht, mich vor Ort umzusehen, wenn ich in Berlin Entscheidungen treffen muss", begründet Strenz ihren Besuch, der nichts mit der üblichen eintägigen Politiker-Stippvisite inklusive In-die-Kamera-Lächeln zu tun hatte. Die Abgeordnete aus Mecklenburg flog mit den Bundeswehrsoldaten im normalen Truppentransporter von Köln-Bonn nach Usbekistan mit, dann per Transall im Frachtraum weiter nach Mazar-e-Sharif. Und sie legte Wert darauf, mit Soldaten auch ohne Anwesenheit von Vorgesetzten sprechen und das Lager verlassen zu können.

Das bescherte Karin Strenz bei frühlingshaften 15 Grad Eindrücke, die sie so schnell nicht vergessen wird. Ein eher fröhlicher war die Begegnung mit einem 20-jährigen Aufklärer aus Goldberg. Der hatte am Tag zuvor mit seinem Vater telefoniert und vom Besuch aus der Heimat berichtet. Der Vater ließ darauf hin fragen, ob die in Goldberg aufgewachsene Karin Strenz sich noch an ihn erinnere. "Die Welt wird immer kleiner und plötzlich war Goldberg in Kundus", erzählt Karin Strenz lachend. Überproportional viele Mecklenburger seien übrigens in Afghanistan im Einsatz.

Die redeten durchaus Klartext. Sehr enttäuscht seien die mit dem Mandat des Bundestags ausgestatteten Bundeswehrsoldaten über das, was die Politik in der Heimat derzeit aufführe. Die Bürger in Uniform brauchen nichts dringender als eine klare Unterstützung aus Deutschland - als Ergebnis einer Debatte, um die sich in der Heimat herumgedrückt wird. Offensichtlich denken viele noch, die Bundeswehr baue in Afghanistan hauptsächlich Brunnen. Strenz: "Das funktioniert so nicht. Die Soldaten empfinden das, was sie täglich erleben als Krieg."

Die Abgeordnete besuchte eine Polizeistation in Kundus, die kurz zuvor von einer Rakete getroffen worden war: "Da ist ein Innenhof, der aus Steinen, Schutzsäcken besteht, nur Dreck und Staub. In der Nähe gibt es eine Brücke, sobald sie aufgebaut ist, sprengen die Taliban sie. Sie müssen sich das als Katz-und Maus-Spiel vorstellen." Die Bundeswehr komme in 500-Meter-Schritten gegen die Taliban nur mühsam im Gelände voran. Wenige Tage zuvor waren die Truppen in ein sechsstündiges Gefecht verstrickt. Das Gelände von Taliban befreien, halten und entwickeln - nur so gehe es. Ob die Menschen in der Heimat ahnen, was die Goldberger, Parchimer oder Hagenower im Auftrag des Bundestags leisten und erleben? "Sie verdienen mehr Respekt und Vertrauen in ihre Arbeit", sagt Karin Strenz, "ein Soldat sagte mir, sie seien dort schließlich nicht im Abenteuerurlaub".

Wenn viele immer lauter (im heimeligen Wohnzimmer) fragen, was "wir" denn in Afghanistan überhaupt verloren hätten, die Begegnung mit den Menschen dort könnte die Antwort liefern. Karin Strenz hatte die Gelegenheit, mit einer mutigen Kabuler Abgeordneten zu sprechen. Der Terrorismus sei kein innerafghanisches Problem, habe die Parlamentskollegin gesagt. Außerdem wollen sich die Menschen dort einbringen, ihr Land in die Hand nehmen, aber sie setzen auf unsere Hilfe. Karin Strenz: "Wir müssen das Land Kilometer für Kilometer sicherer machen, dann kann der humanitäre Aufbau kommen. Es gibt keine Alternative."

Was das konkret heißt, erklärte ein Parlamentarier aus Faisabad. Eine medizinische Station dort wäre ein Quantensprung an Lebensqualität. Derzeit werde ein Verletzter auf einem Esel zwölf Tage zur nächsten Krankenstation transportiert. Meist sind die Verwundeten tot, wenn der Trupp dort ankommt.

Beeindruckende Menschen hat Karin Strenz noch viele getroffen. Da ist der evangelische Pfarrer Hartwig von Schubert. Seine Mission lautet "Friedensethik im Einsatz". Er regt mit der Frage, warum wir in Deutschland so sicher leben, zum Nachdenken an. Oder Oberstleutnant der Reserve Thomas Langenbahn. Der Familienvater und Bankangestellte sieht es als seine Pflicht an, freiwillig ein halbes Jahr in Afghanistan zu dienen.

Ein tief beeindruckendes Erlebnis war die Weihnachtsfeier mit hunderten Soldatinnen und Soldaten und afghanischen Gästen - mit Krippenspiel, Christstollen und Heimatpaketen. Spätestens bei der Schilderung dieses globalen Weihnachtens dürfte eine Ahnung davon aufscheinen, dass die deutsche Sonderrolle vorbei ist. Mehr denn je wird deutlich: Es gibt nur eine Welt und die Menschen darauf gehen uns alle an.

Die Bundestagsabgeordnete Karin Strenz will jetzt "durchs Land ziehen" und den Menschen von dem Einsatz unserer Bürger in Uniform erzählen. Denn der Anlass ihrer Weihnachtsreise war, den Soldaten zuzuhören und deren Wünsche in die Heimat zu transportieren - Mission erfüllt.

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