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Mücken-Datenbank : Plagegeister als Forschungsobjekte

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Mit einer Datenbank über die in Deutschland lebenden Stechmückenarten wollen Forscher aus MV und Brandenburg die Einwanderung tropischer Insekten und die Ausbreitung der von ihnen übertragenen Viren dokumentieren.

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erstellt am 23.Apr.2012 | 06:55 Uhr

Riems | An einer Autobahnraststätte im Oberrheintal ging das gefährliche Insekt im Juli 2011 den Forschern in die Falle. Als Biologin Doreen Werner und Insektenkundler Helge Kampen Wochen später den gefrosteten Inhalt aus dem Fangbeutel an einer Tankstelle nahe der Grenze zur Schweiz öffneten, war ihnen sofort klar, was sie vor sich hatten: ein Exemplar der besonders aggressiven Asiatischen Tigermücke.

Völlig überraschend sei der Fund dennoch nicht gewesen, sagt Kampen, der gegenwärtig am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden ein aufwendiges Projekt zur Erfassung der durch Deutschland schwirrenden Stechmückenarten leitet. Denn schon drei Jahre zuvor sei der aus den Tropen eingewanderte Blutsauger erstmals in Süddeutschland gesichtet worden. Mit dem neuen Nachweis scheint sich die Vermutung zu bestätigen, dass sich der Überträger von Krankheiten wie dem Chikungunya-Fieber allmählich an europäisches Klima anpasst und von Südeuropa nach Norden verschleppt werden kann.

Seit dem Verschwinden der Malaria in Deutschland vor über 50 Jahren hat das wissenschaftliche Interesse an den stechenden Plagegeistern hierzulande rapide nachgelassen. Doch spätestens mit dem Ausbruch der Blauzungenkrankheit, die durch Gnitzen auf Wiederkäuer übertragen wird und seit 2006 in 15 europäischen Ländern zu großen Verlusten in Schaf-, Rinder- und Ziegen-Beständen führte, ist das anders. Vor einem Jahr starteten das Robert-Koch-Institut und das Bundeslandwirtschaftsministerium zwei, mit insgesamt einer Million Euro geförderte Forschungsprogramme zur aktuellen Verbreitung einheimischer und invasiver Stechmücken in Deutschland.

Mit Unterstützung vieler Helfer ließen Wissenschaftler des Riemser Institut für Infektionsmedizin und des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung Müncheberg (Brandenburg) flächendeckend an über 80 Standorten spezielle Fallen aufstellen. Auf Inseln und in Brackwasserregionen, auf Flughäfen, Bahnhöfen, in Tierparks und Friedhöfen wurden inzwischen zehntausende Mücken gesammelt, eingefroren und zur Untersuchung auf die Insel Riems geschickt.

Im Labor lässt Kampen nun etwa 1600 Sammelproben molekularbiologisch analysieren und auf Viren testen. "Bislang haben wir schon über 30 Arten nachgewiesen", sagt der Entomologe. "Neben der Tigermücke auch zwei weitere neue Arten, darunter die Asiatische Buschmücke."

Vor allem Globalisierung und Klimaerwärmung sind nach Ansicht der Forscher verantwortlich für den Vormarsch von Insekten, deren Heimat bislang die Tropen waren und die zum Beispiel in Wasserlachen von Altreifen weltweit eingeschleppt werden. Einige von ihnen sind als Wirte von Viren bekannt, die Menschen und Tieren gefährlich werden können. Das hierzulande bislang umfassendste Moskito-Fangprogramm wird nun sogar noch ausgedehnt. Schon in den vergangenen Wochen streifte Kampen mit Fledermausexperten durch dunkle Verliese, um überwinternde Mücken einzusammeln. Mit Stirnlampe kletterte er durch stillgelegte Bergwerkstollen bei Osnabrück, feuchte Keller in Putbus auf Rügen, Felshöhlen bei Münster und eine Kraftwerksruine bei Eisenhüttenstadt, um die trägen Blutsauger in kleine Plastikröhrchen zu stupsen.

Demnächst wollen die Forscher in ganz Deutschland 80 zusätzliche, auch mit Lockstoffen ausgerüstete Mückenfallen aufstellen, mit denen zum Beispiel auch eiablagebereite Weibchen gefangen werden können.

Auch interessierte Bürger können bald ihre Gartenmücken einsenden. Ihre Funde werden dann in einem sogenannten Mückenatlas im Internet veröffentlicht. Geplant ist auch eine große Datenbank über die in Deutschland lebenden Mückenarten.

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