Picher: Ein Dorf probt den Aufstand

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In allerletzter Minute will die Gemeinde Picher sich massiv gegen die Beiträge für die Altanschlüsse im Trinkwasserbereich wehren und aus dem Verband Sude/Schaale austreten. Die Einwohner stehen wie ein Mann hinter ihrer Gemeindevertretung. In allerletzter Minute will die Gemeinde Picher sich massiv gegen die Beiträge für die Altanschlüsse im Trinkwasserbereich wehren und aus dem Verband Sude/Schaale austreten. Die Einwohner stehen wie ein Mann hinter ihrer Gemeindevertretung.

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28. November 2008, 02:04 Uhr

Picher /Picher | So voll wie am Dienstag war der Gemeinderaum in Picher wohl noch nie, fast 120 Bürger drängten sich, um Bürgermeister Detlef Christ zu hören. Der stand, erkennbar aufgeregt, vor seinen Bürgern und bat vor allem um Rückhalt. Den Beschluss, dem Trinkwasserverband Sude/Schaale zu verlassen, hatte die Vertretung bereits am 19. November gefasst. Die Einwohnerversammlung diente nun der Befragung der Einwohner. Denn ohne die Rückendeckung seiner Bürger wollte Bürgermeister Christ den schwierigen Weg nicht gehen. Dieses Votum der Picheraner kam nun eindeutig, in der aufgewühlten Stimmung der Versammlung gab es nicht einen, der für den Verbleib im Sude/Schaale-Verband gestimmt hätte.

Beiträge für Altanschlüsse sorgen für viel Wut

Auslöser sind die angekündigten Beiträge für die so genannten Alt-Anschlüsse im Trinkwasserbereich. Aus Sicht der Betroffenen sollen sie damit für die alten DDR-Leitungen noch einmal zur Kasse gebeten werden. Je nach Grundstücksgröße kann es dabei im ländlichen Bereich um einige Tausend Euro gehen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass zugleich die Kubikmeterpreise deutlich sinken werden.

Die Wut der Betroffenen, ihre Enttäuschung über die Landespolitik, das Greifswalder Gericht und letztlich die Bürgermeister der anderen Gemeinden war an dem Abend immer wieder spürbar. Gemeindevertreter Otto Schult drückte es so aus: "Es will nicht in meinen Kopf, dass wir nochmal bezahlen sollen, ohne dass damalige Zahlungen oder bezahlte Kredite angerechnet werden."

Ausführlich wurde in Picher an 1968 erinnert, als Picher aus allen Näthen platzte und auch eine eigene Wasserversorgung aus dem Boden gestampft werden musste. Und selbst dann reichte in den Sommermonaten die Fördermenge längst nicht aus. Nach der Wende kam die Modernisierung und der Eintritt in den Verband. Doch schon Mitte der 1990er Jahre regte sich der Widerstand in Picher, damals im Bereich Abwasser. Seit 1995 hat die Gemeinde eine eigene Entsorgung mit eigenem Betrieb, bisher zu vergleichbaren Preisen anderer Anbieter. Dieser Erfolg macht optimistisch für den Trinkwasserbereich. Den will Picher nun auch selbst regeln und nimmt dafür eine lange Auseinandersetzung mit dem Verband in Kauf. Denn die Trennung, auch das wurde den Einwohnern klar gesagt, wird alles andere als einfach.

Es ist ein Aufstand in allerletzter Minute, denn bereits morgen verschickt der Trinkwasserbeschaffungsverband (so der offizielle Titel) die Bescheide für die Altanschlüsse. Nach Auskunft von Geschäftsführer Ralph Rassmann werden es im Verbandsgebiet gut 9000 Bescheide sein. An die 170 davon betreffen Grundstücke in Picher. Den Angeschriebenen bleibt zunächst nur der Widerspruch und die Bitte um aufschiebende Wirkung. Zur Not muss geklagt werden. Entsprechende Hinweise zum Verhalten gab es dazu vom Schweriner Rechtsanwalt Hagen Heiling. Doch auch Heiling verschwieg nicht, dass es schwer wird, die Picheraner vor den Bescheiden zu bewahren.

Langes Verfahren
Ralph Rassmann vom Verband hielt sich gestern mit Bewertungen zurück, verwies aber auf die rechtlichen Grundlagen. Seiner Meinung nach müssten die Picheraner mit einer Ablehnung ihrer Bescheide rechnen. Die Auseinandersetzung im Vermögensbereich könne dauern, die Kosten der Trennung lägen bei Picher usw. Insgesamt könne das Verfahren wohl bis Ende 2009 dauern. Ob die Grundstückseigentümer in Picher dann ihr vielleicht unter Vorbehalt gezahltes Geld zurückbekommen, ist völlig offen.

Kampf ohne Verbündete
Der Versuch soll dennoch gewagt werden, so die einhellige Meinung am Dienstag. Nicht nur der Gemeindevertreter Gerhard Klinkmann verwies darauf, dass Picher schon seit Jahren versucht habe, diese "Abkassierung" der Bürger zu verhindern. Hinter den Kulissen gab es bis zuletzt Versuche, sich Verbündete zu suchen. Letztendlich scheiterten die Gespräche mit Strohkirchen und Bresegard. Vor allem letztere Gemeinde hat ihr marodes Trinkwassernetz im Blick und erhofft sich vom Verband eine vergleichsweise preiswerte Erneuerung.

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